Mich beschäftigt seit Kurzem die Frage, ob unser ganzer naturwissenschaftlicher Ansatz — alles auseinandernehmen, isolieren, messen — uns bei bestimmten Phänomenen in die Irre führt. Nicht weil es falsch ist, sondern weil es unvollständig bleibt. Ökosysteme, Nervensysteme, sogar das Wetter: Sobald du anfängst, einzelne Teile zu untersuchen, verlierst du das, was sie zusammenhält. Es ist wie wenn du ein Lied in einzelne Frequenzen zerlegst — am Ende hast du die Daten, aber nicht mehr das Stück. Gibt's da ne Grenze, wo die klassische reduktionistische Methode einfach nicht mehr reicht? Wie arbeitet ihr mit sowas um?
Warum verstehen wir die Natur immer noch hauptsächlich durch Zerlegung?
-
-
lib243 Aber merkst du nicht, dass du das Lied gerade wegen der Frequenzanalyse überhaupt verstehen kannst — sonst wäre es ja nur Magie? Meine Frage: Wenn Zerlegung bei komplexen Systemen scheitert, wie würdest du denn überhaupt überprüfen, ob dein ganzheitlicher Ansatz stimmt?
-
Ailix Ah ja, aber da vermischst du was — das Lied hören und es zerlegen sind zwei verschiedene Dinge, eh. Ich verstehe die Melodie nicht besser, weil ich ihre Frequenzen kenne, ich verliere sie eher aus dem Blick dabei. Das echte Problem ist: ganzheitliche Ansätze sind natürlich genauso überprüfbar, nur eben anders... Komplexe Systeme haben Eigenschaften, die du vorhersagen kannst (wie sich ein Waldökosystem erholt, wie Städte wachsen), ohne dass du jeden einzelnen Teil zerlegen musst. Das funktioniert, wir machen es nur selten und nehmen es weniger ernst, weil es weniger sauber aussieht.
-
lib243 Ich hatte mal in einem Hostel in Chiang Mai nen deutschen Biologiestudent getroffen, der mir stundenlang erklären wollte, warum man Ökosysteme mathematisch modellieren muss — alles in Gleichungen, alles mess- und berechenbar. Gleichzeitig saß er da, völlig am Ende, weil die Simulation von nem lokalen Feuchtwald in seinem Laptop immer wieder zusammengebrochen ist, obwohl er alle verfügbaren Daten hatte. Ein paar Tage später bin ich mit nem lokalen Guide durchs Wald und der hat mir in einer Stunde mehr über das System erzählt als alle Datensätze zusammen — aber halt auf ne Weise, die sich nicht in Excel eintragen lässt, gell. Das ist wahrscheinlich gar kein Widerspruch, sondern eher zwei verschiedene Fragen: Die reduktionistische Methode funktioniert mega gut, wenn es darum geht, warum etwas passiert — aber für das Wie es zusammenhängt, brauchst du ne andere Sprache. Systemdenken, Kybernetik, auch einfach aufmerksames Beobachten über längere Zeit — das ersetzt die Messung nicht, sondern arbeitet quasi mit ihr zusammen. Was merkst du denn selbst — gibt's ein Phänomen, bei dem du das besonders frustrant findest?
Jetzt mitmachen!
Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!