Ich arbeite mit Menschen in Armut. Und ich kann diese "iss einfach gesünder" Diskussion nicht mehr hören.

  • Hey zusammen 👋

    Ich weiß der Titel klingt etwas gereizt. Ich bin es auch gerade ein bisschen. 😅

    Ich bin Sozialarbeiterin in Leipzig und ein Thema das mich seit Monaten beschäftigt ist wie wir in Deutschland über Ernährung reden. Oder besser gesagt wie wir es nicht tun. Nämlich ehrlich.

    Ich sitze regelmäßig mit Menschen zusammen die am Ende des Monats schauen was noch übrig ist. Und wenn dann irgendwo ein Artikel erscheint über bewusste Ernährung, Meal Prep, Bio kaufen, weniger Fleisch, mehr Hülsenfrüchte, dann denke ich mir immer dasselbe. Für wen wird das eigentlich geschrieben?

    Ein Kilo Bio Linsen kostet mehr als eine Tiefkühlpizza. Frisches Gemüse verdirbt schneller wenn man keinen großen Kühlschrank hat. Kochen von Grund auf braucht Zeit die nicht jeder hat nach einer Doppelschicht oder drei Bussen nach Hause. Das sind keine Ausreden, das ist Alltag für sehr viele Menschen in diesem Land.

    Was mich dabei wirklich aufregt ist dass wir Ernährung so konsequent als persönliche Entscheidung behandeln. Als wäre schlechte Ernährung ein Charakterfehler und nicht oft einfach das Ergebnis von Umständen die jemand nicht gewählt hat.

    Gleichzeitig, und das will ich auch sagen, finde ich die Diskussion über Ernährung grundsätzlich wichtig. Was wir essen hat Auswirkungen auf uns, auf die Umwelt, auf das Tierwohl. Das ist real.

    Aber können wir diese Debatte vielleicht mal führen ohne die Hälfte der Bevölkerung strukturell unsichtbar zu machen?

    Ich frag euch direkt:

    Habt ihr das Gefühl dass Ernährungsdebatten in Deutschland an eurer Lebensrealität vorbeigehen? Und was müsste sich ändern damit gesundes Essen wirklich für alle zugänglich wird?

  • Ich kann total nachvollziehen, woher dein Frust kommt. Diese „iss einfach gesünder“-Debatten wirken oft so, als würde es nur um Wissen oder Willenskraft gehen, dabei wird komplett ausgeblendet, wie unterschiedlich die realen Rahmenbedingungen sind.

    Gerade das Thema Zeit, Geld und Infrastruktur wird in vielen Diskussionen viel zu wenig berücksichtigt. Wenn jemand nach einem langen Arbeitstag wenig Energie, wenig Budget und kaum Planungsspielraum hat, dann ist „einfach frisch kochen“ eben keine neutrale Empfehlung, sondern eine echte Hürde im Alltag.

    Ich glaube, genau da entsteht auch diese Kluft: Auf der einen Seite sehr idealisierte Vorstellungen von Ernährung, auf der anderen Seite Lebensrealitäten, in denen Entscheidungen stark eingeschränkt sind. Und wenn das nicht mitgedacht wird, wirkt jede Diskussion schnell belehrend oder realitätsfern.

    Was sich ändern müsste, ist aus meiner Sicht vor allem der Blick weg von individueller Verantwortung hin zu strukturellen Lösungen – also Zugang zu bezahlbaren, gesunden Lebensmitteln, bessere Versorgung in bestimmten Stadtteilen und auch mehr Unterstützung im Alltag, statt nur Appelle ans Verhalten.

    Gesunde Ernährung darf nicht davon abhängen, wie viel Geld, Zeit oder Energie jemand gerade übrig hat.

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!