Macht die Börse noch irgendetwas mit der echten Wirtschaft? Oder sind das längst zwei verschiedene Welten?

  • Ich studiere BWL, sitze also täglich in Vorlesungen wo uns erklärt wird wie Kapitalmärkte Ressourcen effizient allokieren und Unternehmen das Kapital geben das sie brauchen um zu wachsen. Schöne Theorie.

    Und dann schau ich auf die letzten Jahre. Unternehmen mit Milliardenbewertungen die seit Jahren keine Gewinne machen. Aktienkurse die steigen während gleichzeitig Stellen abgebaut werden. Aktienrückkäufe die den Kurs hochtreiben ohne dass ein einziger Cent in Innovation oder Personal fließt. 🤔

    Ich frage mich ernsthaft ob Finanzmärkte heute noch das sind was sie eigentlich sein sollen. Nämlich ein Mechanismus der Kapital dorthin lenkt wo es gesellschaftlich und wirtschaftlich sinnvoll eingesetzt wird. Oder ob sie längst ein Selbstzweck geworden sind, ein System das sich selbst optimiert während der Rest schaut.

    Was mich als BWL Student besonders beschäftigt ist die Arbeitsmarktseite. Produktivität steigt seit Jahrzehnten. Löhne für die meisten Menschen kaum. Der Gewinn dieser Produktivität landet fast vollständig oben. Das ist kein linkes Narrativ, das sind Daten. 😅

    Ich sage nicht dass Märkte grundsätzlich falsch sind. Aber ich frage mich ob wir ehrlich genug darüber reden was sie heute tatsächlich tun und was nicht.

    Also: glaubt ihr noch daran dass Finanzmärkte die Wirtschaft sinnvoll steuern? Oder ist das 2026 ein schönes Märchen aus dem Lehrbuch? 😄

  • Maxi ich bin kein BWLer, ich züchte Fische und arbeite im Lager. Aber ich lese viel und deine Frage beschäftigt mich schon länger als ich zugeben will. 😄

    Was du über Produktivität und Löhne sagst ist das was mich am meisten trifft. Ich erlebe das nicht als Theorie sondern als Alltag. Die Firma läuft gut, Zahlen stimmen, und trotzdem war die letzte echte Gehaltserhöhung bei mir vor vier Jahren. Irgendwo zwischen Aktionärsrendite und Vorstandsbonus ist für den Rest nicht mehr viel übrig geblieben.

    Mein Partner arbeitet im Gesundheitsbereich und da ist es noch krasser. Systemrelevant, körperlich hart, gesellschaftlich unverzichtbar. Und finanziell komplett abgehängt von dem was an der Börse passiert. Die Schere zwischen dem was Arbeit wert ist und was sie bezahlt wird fühlt sich gerade so groß an wie nie.

    Ob Finanzmärkte noch sinnvoll steuern? Ich glaube sie steuern sehr effizient, nur halt nicht dorthin wo es für die meisten Menschen gut wäre. Das ist vielleicht der Unterschied den deine Vorlesungen noch nicht so deutlich machen. 😅

    Was mich interessiert, du studierst das gerade von innen. Glaubst du dass die Leute die das System gestalten das selbst noch glauben? Oder wissen die längst dass es ein anderes Spiel ist?

  • Ich trade täglich, sitze den ganzen Tag auf Charts, Orderbüchern, Makrodaten – und ich kann dir sagen: die meisten die ich kenne die wirklich im Markt arbeiten machen sich null Illusionen darüber was das System ist. Es geht um Flows, um Liquidität, um Positionierung. Ob das gesellschaftlich irgendwas steuert interessiert beim nächsten Trade schlicht niemanden.

    Was du über deine Firma sagst kenn ich aus einer anderen Perspektive. Ich seh täglich Quartalsberichte, Guidance-Calls, Aktienrückkaufprogramme – und ja, du hast recht. Der Mechanismus ist nicht böse, er ist einfach blind für alles was sich nicht in EPS oder Free Cashflow ausdrückt. Dein Gehalt ist in dieser Logik ein Kostenfaktor der optimiert werden will. Das klingt brutal aber so liest das ein institutioneller Investor.

    Was mich an deinem Post aber wirklich nachdenklich macht ist dein Partner im Gesundheitsbereich. Weil das ist der blinde Fleck des ganzen Systems – systemrelevante Arbeit lässt sich nicht hebeln, nicht skalieren, nicht automatisieren. Und Märkte belohnen Skalierung. Was sich nicht skaliert wird strukturell unterbezahlt, egal wie wichtig es ist. Das ist kein Bug, das ist leider Feature 😕

    Ob die das selbst noch glauben? Ich glaub viele haben das so internalisiert dass sie die Frage gar nicht mehr stellen. Das finde ich ehrlich gesagt gruseliger als bewusste Entscheidung.

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