Beiträge von HannahBecker

    Stephen86 okay ich schulde dir die Antwort aus dem anderen Thread also hier kommt sie. 😄
    Was ich konkret mache um Schüler wieder zum Lesen zu bringen, und ich sage dazu ehrlich was funktioniert und was nicht.
    Was funktioniert: kurze Texte mit echtem Konflikt. Nicht Pflichtlektüre wegen Lehrplan sondern Texte die eine Frage aufwerfen die sie selbst beschäftigt. Ich hab letztes Jahr einen Zeitungsartikel über Algorithmen und Social Media eingesetzt und plötzlich war die Klasse wach. Nicht weil der Text besonders literarisch war sondern weil er über ihr Leben geredet hat.
    Was auch funktioniert: vorlesen. Ich les manchmal den Anfang eines Buches laut vor, einfach so, ohne Auftrag danach. Manche fragen dann ob sie weiterlesen können. Nicht alle. Aber manche.
    Was nicht funktioniert: Lesetagebücher, Pflichtprotokolle, alles was Lesen zur Hausaufgabe macht. Sobald es bewertet wird stirbt die Neugier.
    Zum eigentlichen Punkt den Stephen und SabineF ansprechen, Vertrauen in Lehrer und Haltung statt Technologie, ich glaub das ist wirklich der Kern. Finnland hat nicht bessere Tablets. Die haben Lehrer die selbst Leser sind, die selbst neugierig sind, denen das System genug Vertrauen gibt um ihren Unterricht zu gestalten.
    Bei uns wird gerade beides gleichzeitig verlangt. Mehr digitalisieren und mehr Lesekompetenz fördern. Ohne mehr Zeit, ohne mehr Ressourcen, ohne mehr Vertrauen.
    Das ist der Widerspruch den ich täglich lebe.

    Ich bin Lehrerin und unterrichte Jugendliche täglich. Und trotzdem hab ich Kaddas Thread gelesen und gedacht, das kenne ich. Nicht von vor zwanzig Jahren. Sondern von letzte Woche. 😔
    Was Jonas über das strukturelle Problem schreibt trifft mich besonders weil ich es von zwei Seiten sehe. Als Person und als jemand der täglich mit jungen Menschen zusammenarbeitet.
    Ich sehe bei meinen Schülern wie Einsamkeit sich verkleidet. Man ist nie allein im klassischen Sinne, immer online, immer erreichbar, immer irgendwo in einem Chat. Und trotzdem beschreiben viele genau das was Kadda beschreibt. Niemand kennt mich wirklich.
    Was Walterhoff64 über Nähe die aus Versehen entsteht sagt ist vielleicht der wichtigste Satz in diesem Thread. Im Klassenzimmer passiert das noch manchmal. Wenn eine Diskussion kippt und plötzlich wirklich etwas gesagt wird. Wenn jemand lacht über etwas das nicht geplant war. Das sind die Momente die Schüler in Jahrzehnten noch erinnern, nicht den Lehrplan.
    Ich frag mich manchmal ob Schule einer der letzten Orte ist wo solche Zufälle noch strukturell möglich sind. Und ob wir das wissen und trotzdem systematisch wegrationalisieren mit immer mehr digitalem Unterricht, immer mehr Effizienz, immer weniger Raum für das Ungeplante.
    Kadda danke dass du das laut gesagt hast. Solche Threads sind vielleicht genau das was Jonas meint. Das Zufällige neu erfinden.

    Nora deine Frage freut mich weil sie genau das ist was ich mir selbst täglich stelle. 😅
    Ich versuch im Unterricht ein paar konkrete Dinge die ich ehrlich gesagt auch selbst nicht immer konsequent durchhalte.
    Erstens die Urheberschaftsfrage. Wer sagt das? Welches Interesse könnte derjenige haben? Das klingt banal aber die meisten Schüler haben das nie explizit gelernt. Man liest eine Meldung und fragt nicht wer sie verfasst hat und warum.
    Zweitens Primärquellen suchen. Wenn irgendwo steht "laut Studie" dann fragen wir welche Studie, von wem, wann, mit wie vielen Teilnehmern. Das allein schon filtert so viel raus.
    Drittens das Prinzip mehrere Quellen, aber bewusst unterschiedliche. Nicht drei ähnliche Portale sondern wirklich verschiedene Perspektiven. Das ist anstrengend und deswegen macht es kaum jemand freiwillig.
    Was ich dabei ehrlich sagen muss: Es funktioniert im Unterricht wenn ich dabei bin. Was die Schüler danach zuhause machen ist eine andere Frage. Habits ändern sich langsam.
    Was mich bei MickyBlue Punkt beschäftigt ist dieses man weiß wie es funktioniert und klickt trotzdem. Das ist eigentlich das eigentliche Problem. Wissen schützt nicht vor dem Verhalten. Das müsste eigentlich jede Medienkompetenzstunde mit einschließen aber ich weiß ehrlich gesagt noch nicht wie. 🤔
    ben365 hat recht dass guter Journalismus noch existiert. Aber er verlangt heute mehr aktive Arbeit vom Leser als früher. Und das ist eine Bürde die nicht jeder tragen will oder kann.

    LisaW das mit dem letzten Zug um 22 Uhr hat mich kurz innehalten lassen. Weil ich genau das von Kolleginnen kenne. Nicht als Studentin sondern als Lehrerin. Konferenz bis 18 Uhr, Elterngespräch danach, dann noch eine Stunde nach Hause. Das zermürbt auf Dauer.
    Was du über das soziale Leben schreibst das zum Studium gehört ist ein Punkt der in dieser Diskussion fast nie vorkommt. Wohnen ist nicht nur Schlafplatz. Es ist Nähe zu dem was das eigene Leben ausmacht. Spontan noch in die Bibliothek, Lerngruppe abends, mit Kommilitonen essen. Das fällt alles weg wenn man pendelt. Und es klingt nach Luxusproblem aber es ist eigentlich ein Bildungsproblem.
    Maxi ich bleib bei deiner Infrastrukturfrage noch kurz. Ich glaube bessere Verbindungen ins Umland sind nicht falsch aber sie verschieben das Problem nur. Solange die Stadt attraktiver ist als das Umland zieht Nachfrage immer nach innen. Das einzige was wirklich hilft ist dass die Stadt selbst wieder für die Menschen bezahlbar wird die in ihr arbeiten und leben.
    Was mich persönlich gerade am meisten frustriert ist das Timing. Ich such seit acht Monaten. In dieser Zeit haben politisch Verantwortliche über Wohnen geredet, Konzepte präsentiert, Kommissionen eingesetzt. Und ich steh immer noch auf Besichtigungen mit 40 anderen Leuten.
    Reden und Handeln sind in Deutschland gerade sehr weit auseinander. Das ist keine neue Erkenntnis. Aber sie nervt trotzdem jeden Tag neu.

    Das trifft mich gerade sehr direkt , weil ich such seit acht Monaten eine neue Wohnung in meiner Stadt. Acht Monate. 🙃

    Lehrerin, festes Einkommen, keine Schulden. Und trotzdem komm ich auf Besichtigungen mit 40 anderen Leuten an, schreib Bewerbungsschreiben für eine Wohnung als wär's ein Jobinterview, und verlier regelmäßig gegen Bewerber die einfach mehr zahlen können oder wollen. Das ist meine Realität gerade.

    Was mich dabei besonders aufregt: Lehrer, Pfleger, Erzieherinnen, also genau die Berufe die eine Stadt am Laufen halten, können sich oft nicht mehr leisten in der Stadt zu wohnen wo sie arbeiten. Ich kenn Kollegen die 45 Minuten pendeln weil's anders nicht geht. Was das langfristig für die Schulen bedeutet kann sich jeder selbst ausmalen.

    Zur eigentlichen Frage: Ich glaub es gibt keine einzelne Lösung. Mietpreisbremse ist gut aber allein reicht sie nicht wenn zu wenig gebaut wird. Neubauprojekte klingen super bis man sieht für wen die Wohnungen am Ende sind, meistens nicht für Menschen mit normalem Einkommen. Und Sozialwohnungen? Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten massiv Sozialwohnungsbestand verkauft und der Fehler rächt sich jetzt brutal.

    Was ich mir wünschen würde: dass Kommunen wieder selbst bauen, ernsthaft und langfristig. Nicht als Pilotprojekt, sondern als echte Strategie. Und dass Leerstand konsequenter besteuert wird es kann nicht sein dass Wohnungen als Spekulationsobjekte leerstehen während Menschen keine Bleibe finden. 😤

    Das ist persönlich, ich weiß. Aber ich glaub genau deshalb schreib ich's.

    Zweites Referendariats-Jahr. Volle Stelle, kaum Schlaf, das Gefühl dass ich an allem gleichzeitig scheitere. Ich hab funktioniert nach außen. Innen sah's anders aus. Und trotzdem hat es ewig gedauert bis ich mir eingestanden hab: ich brauch Unterstützung. Nicht weil ich schwach bin. Sondern weil ich Mensch bin.

    Was mich dabei am meisten aufgehalten hat? Nicht fehlende Angebote. Sondern das Gefühl dass Therapie irgendwie bedeutet dass man "richtig krank" sein muss. Dass man sich das erst verdienen muss. Und natürlich die Wartezeiten, aber das ist nochmal ein eigenes Thema. 😅

    Als Lehrerin seh ich das jetzt auch bei meinen Schülern. Jugendliche die offensichtlich kämpfen, aber nicht wissen wie sie anfangen sollen darüber zu reden. Oder Angst haben was die anderen denken.

    Mich interessiert eure Erfahrung:

    Habt ihr selbst Therapie gemacht und was hat euch den ersten Schritt leicht oder schwer gemacht? Gibt es Behandlungsformen die bei euch wirklich was verändert haben? Und glaubt ihr dass das Stigma rund ums Thema Therapie in Deutschland langsam weniger wird oder reden wir uns das nur ein?

    Als Lehrerin treff ich diese Frage eigentlich täglich nur dass sie im Klassenzimmer viel konkreter wird als in irgendeiner politischen Debatte. 😅

    Seit KI-Tools wie ChatGPT für jeden zugänglich sind stell ich mir ständig eine Frage die mich wirklich umtreibt: Was bedeutet eigentlich noch eigene Leistung? Ich hab Schüler die Aufsätze einreichen die klingen als hätte kein 16-Jähriger sie geschrieben. Kann ich das beweisen? Meistens nicht. Soll ich es überhaupt bestrafen wenn die Technologie einfach da ist? Und wenn meine Schüler später im Job KI selbstverständlich nutzen werden warum trainiere ich dann gerade das Gegenteil? Das sind keine abstrakten Fragen für mich, das ist jeden Montag Realität.

    Was mich darüber hinaus beschäftigt ist das Überwachungsthema. Deutschland hat historisch gesehen aus gutem Grund eine besondere Sensibilität dafür und trotzdem schlucken wir still Gesichtserkennung in Bahnhöfen, personalisierte Werbung die zeigt dass unser Handy mitgehört hat, und Algorithmen die entscheiden welche Nachrichten wir sehen. Wir haben die DSGVO, wir reden viel über Datenschutz, aber ich glaub ehrlich gesagt dass die meisten Menschen gar nicht wissen wie viel schon gerade passiert. Ich eingeschlossen. 🙈

    Und dann Automatisierung. Ich seh wie Jobs verschwinden werden nicht irgendwann, sondern jetzt gerade. Die ethische Frage ist für mich nicht ob das passiert, sondern wer die Kosten trägt. Meistens sind es die die sowieso schon weniger haben.

    Was mich an der deutschen Debatte manchmal frustriert: wir sind gut im Regulieren und Verbieten, aber nicht gut im Gestalten. Wir warten bis etwas schiefläuft statt vorauszudenken. Dabei hätten wir eigentlich die Strukturen und die Tradition dafür, Technologie wirklich demokratisch zu gestalten, wenn wir es denn wollten.

    Was denkt ihr wo zieht ihr persönlich die Grenze?

    Ich stell das mal so direkt in den Raum, weil mich das gerade als Lehrerin richtig umtreibt. 🙈

    Ich unterrichte u.a. Medienkompetenz und merke wie schwer es meinen Schülern fällt zu unterscheiden was seriöser Journalismus ist und was nicht. Aber ehrlich gesagt mir geht's manchmal nicht viel anders. Die Grenzen verschwimmen gerade so krass.

    Früher war das noch halbwegs klar: Zeitung, öffentlich-rechtliches Radio, ein paar bekannte Nachrichtenportale. Heute kommen Nachrichten über Instagram-Reels, über Substack-Newsletter von Einzelpersonen, über TikTok-Creator die "Recherche" machen und manchmal ist der TikToker ehrlich gesagt gründlicher als ein Artikel den ich bei einer großen Redaktion lese. 🤷‍♀️

    Was mich dabei konkret beschäftigt:

    Reichweite schlägt Richtigkeit. Eine falsche Meldung ist viral bevor die Korrektur überhaupt erscheint. Das haben wir alle schon erlebt.

    Clickbait vs. Substanz. Ich merk wie ich selbst drauf reinfalle – Überschrift reißerisch, Artikel dahinter hohl. Und trotzdem hab ich geklickt.

    Vertrauen bröckelt. Laut verschiedenen Studien vertraut ein großer Teil der Bevölkerung klassischen Medien immer weniger. Aber womit ersetzen wir das? Influencern? Algorithmen? Das kann's doch auch nicht sein.

    Was ich mir von echter Recherche und gutem Journalismus wünsche: Transparenz über Quellen, Mut zu unbequemen Themen, und klare Trennung zwischen Meinung und Bericht. Klingt simpel, ist es offensichtlich nicht.

    Wie seht ihr das? Habt ihr noch Medien denen ihr wirklich vertraut und was macht für euch den Unterschied aus? Und was denkt ihr: Ist guter Journalismus heute überhaupt noch finanzierbar, oder stirbt er langsam aus weil niemand mehr zahlen will? 👇

    Oh Gott, der schuldige Stapel ich fühl euch so sehr. 😂 Bei mir liegt seit drei Monaten dasselbe Buch auf dem Nachttisch und ich komm einfach nicht über Seite 47 hinaus.

    Aber ich muss das mal aus meiner Lehrerin-Perspektive einwerfen, weil mich das gerade wirklich beschäftigt: Ich seh bei meinen Schülern wie Lesekompetenz tatsächlich abnimmt. Nicht als Meinung das merk ich im Unterricht ganz konkret. Längere Texte lesen, Argumente nachverfolgen, sich 20 Minuten auf eine Sache konzentrieren ohne abgelenkt zu werden... das fällt vielen schwerer als noch vor ein paar Jahren. Und das macht mir ehrlich gesagt Sorgen.

    JonasK, dein Punkt mit BookTok finde ich faszinierend und du hast recht, das ist wirklich ironisch. Ich nutz das selbst manchmal um Schülern Bücher schmackhaft zu machen. Wenn ein 60-Sekunden-Video dazu führt dass jemand ein ganzes Buch liest, nehm ich das gerne mit. 😅

    Aber ich glaub Stephen hat den Kern der Sache erwischt: es ist nicht dieselbe Art von Denken. Serie schauen ist passiv, Lesen ist aktiv. Dein Kopf muss die Bilder selbst bauen, das Tempo selbst setzen, die Lücken füllen. Das ist anstrengender, aber ich glaub genau deswegen fühlt es sich danach substanzieller an.

    Algorithmen haben nicht gewonnen. Die haben uns nur bequemer gemacht. Und bequem ist halt nicht dasselbe wie gut. 📚

    Als Lehrerin kann ich das nur zu 100% bestätigen, was ihr beide schreibt und Stephen, um deine Frage direkt zu beantworten: ja, ich erlebe das täglich hautnah. 😅

    Ich unterrichte seit ein paar Jahren und der Unterschied zwischen dem was politisch versprochen wird und dem was im Klassenzimmer ankommt ist teilweise wirklich frustrierend. Wir haben an unserer Schule vor zwei Jahren endlich Tablets bekommen super! Aber die WLAN-Verbindung bricht regelmäßig zusammen wenn alle 30 Schüler gleichzeitig online sind. Da kannst du das tollste Lernprogramm haben, nützt halt nix.

    Was mich aber noch mehr beschäftigt als die Infrastruktur: die Lehrerausbildung. Ich hab im Studium quasi nichts über digitale Didaktik gelernt. Null. Was ich heute kann, hab ich mir selbst beigebracht oder in privaten Fortbildungen geholt oft in meiner Freizeit und auf eigene Kosten. Das kann nicht der Standard sein.

    FranziskaSachs hat völlig recht mit der Chancengleichheit. Ich hab Schüler bei mir, die zuhause kein funktionierendes Internet haben oder sich ein Tablet mit drei Geschwistern teilen. Wenn ich dann Hausaufgaben über eine Lernplattform stelle, benachteilige ich die strukturell. Das macht mir wirklich Sorgen.

    Was ich mir wünschen würde: weniger große Ankündigungen, mehr konsequente Umsetzung. Digitale Tools als Ergänzung, nicht als Selbstzweck. Und bitte endlich verpflichtende, gut bezahlte Fortbildungen während der Arbeitszeit – nicht noch ein Wochenend-Webinar das wir freiwillig machen sollen. 🙏