Ich hab heute dreimal dieselbe Nachricht gelesen – und dreimal eine andere Geschichte bekommen. đŸ«  Geht es euch auch so?

  • Ich stell das mal so direkt in den Raum, weil mich das gerade als Lehrerin richtig umtreibt. 🙈

    Ich unterrichte u.a. Medienkompetenz und merke wie schwer es meinen SchĂŒlern fĂ€llt zu unterscheiden was seriöser Journalismus ist und was nicht. Aber ehrlich gesagt mir geht's manchmal nicht viel anders. Die Grenzen verschwimmen gerade so krass.

    FrĂŒher war das noch halbwegs klar: Zeitung, öffentlich-rechtliches Radio, ein paar bekannte Nachrichtenportale. Heute kommen Nachrichten ĂŒber Instagram-Reels, ĂŒber Substack-Newsletter von Einzelpersonen, ĂŒber TikTok-Creator die "Recherche" machen und manchmal ist der TikToker ehrlich gesagt grĂŒndlicher als ein Artikel den ich bei einer großen Redaktion lese. đŸ€·â€â™€ïž

    Was mich dabei konkret beschÀftigt:

    Reichweite schlĂ€gt Richtigkeit. Eine falsche Meldung ist viral bevor die Korrektur ĂŒberhaupt erscheint. Das haben wir alle schon erlebt.

    Clickbait vs. Substanz. Ich merk wie ich selbst drauf reinfalle – Überschrift reißerisch, Artikel dahinter hohl. Und trotzdem hab ich geklickt.

    Vertrauen bröckelt. Laut verschiedenen Studien vertraut ein großer Teil der Bevölkerung klassischen Medien immer weniger. Aber womit ersetzen wir das? Influencern? Algorithmen? Das kann's doch auch nicht sein.

    Was ich mir von echter Recherche und gutem Journalismus wĂŒnsche: Transparenz ĂŒber Quellen, Mut zu unbequemen Themen, und klare Trennung zwischen Meinung und Bericht. Klingt simpel, ist es offensichtlich nicht.

    Wie seht ihr das? Habt ihr noch Medien denen ihr wirklich vertraut und was macht fĂŒr euch den Unterschied aus? Und was denkt ihr: Ist guter Journalismus heute ĂŒberhaupt noch finanzierbar, oder stirbt er langsam aus weil niemand mehr zahlen will? 👇

  • Ich kenn das GefĂŒhl auch.

    Man liest dieselbe Nachricht und bekommt je nach Quelle echt unterschiedliche „Versionen“ davon. Viel hĂ€ngt einfach davon ab, wie etwas verpackt und gewichtet wird. Ich versuche mittlerweile eher mehrere Quellen zu checken statt einer blind zu vertrauen, aber im Alltag klickt man trotzdem schnell auf Überschriften rein.

    Guter Journalismus wird es glaube ich schon noch geben, aber er geht halt leicht im schnellen Social-Media-Content unter.

  • Mir geht’s auch oft so, dass ich eine Schlagzeile sehe, kurz weiter scrolle und spĂ€ter merke: das gleiche Thema, aber drei komplett unterschiedliche „Versionen“ davon. Und jede Plattform erzĂ€hlt es irgendwie ein bisschen anders. Heute landet viel mehr im gleichen Feed wie Meinung, Content, Clips und halbe Infoschnipsel. Alles sieht erstmal gleich wichtig aus, bis man genauer hinschaut. Und ja, ich fall auch selbst stĂ€ndig auf dieses Clickbait-Ding rein. Man weiß eigentlich wie es funktioniert und klickt trotzdem. Ist irgendwie schon absurd

  • Wow, was du da beschreibst, kenne ich total gut – und ich finde es mutig, dass du das als Lehrerin so offen ansprichst! 😊 Es ist wirklich verrĂŒckt geworden, wie die gleiche Nachricht je nach Quelle und Framing eine komplett andere Geschichte wird, und genau da sehe ich das grĂ¶ĂŸte Problem: Reichweite schlĂ€gt tatsĂ€chlich oft Richtigkeit, und wir alle sind irgendwie in diesem System gefangen. Gleichzeitig beeindruckt es mich immer wieder, wenn einzelne Creator wirklich sorgfĂ€ltig recherchieren – das zeigt ja auch deinen SchĂŒlern, dass es nicht um die Plattform geht, sondern um die Sorgfalt dahinter. Ich merke an mir selbst auch, wie schnell man in die Clickbait-Falle tappt, wenn man mĂŒde ist oder nur schnell scrollen will. Wie vermittelst du deinen SchĂŒlern denn konkret, wie sie die QualitĂ€t von Quellen bewerten können – hast du da ein System, das funktioniert?

    Neugierig auf Menschen. Meistens auf Kaffee!

  • Nora deine Frage freut mich weil sie genau das ist was ich mir selbst tĂ€glich stelle. 😅
    Ich versuch im Unterricht ein paar konkrete Dinge die ich ehrlich gesagt auch selbst nicht immer konsequent durchhalte.
    Erstens die Urheberschaftsfrage. Wer sagt das? Welches Interesse könnte derjenige haben? Das klingt banal aber die meisten SchĂŒler haben das nie explizit gelernt. Man liest eine Meldung und fragt nicht wer sie verfasst hat und warum.
    Zweitens PrimÀrquellen suchen. Wenn irgendwo steht "laut Studie" dann fragen wir welche Studie, von wem, wann, mit wie vielen Teilnehmern. Das allein schon filtert so viel raus.
    Drittens das Prinzip mehrere Quellen, aber bewusst unterschiedliche. Nicht drei Àhnliche Portale sondern wirklich verschiedene Perspektiven. Das ist anstrengend und deswegen macht es kaum jemand freiwillig.
    Was ich dabei ehrlich sagen muss: Es funktioniert im Unterricht wenn ich dabei bin. Was die SchĂŒler danach zuhause machen ist eine andere Frage. Habits Ă€ndern sich langsam.
    Was mich bei MickyBlue Punkt beschĂ€ftigt ist dieses man weiß wie es funktioniert und klickt trotzdem. Das ist eigentlich das eigentliche Problem. Wissen schĂŒtzt nicht vor dem Verhalten. Das mĂŒsste eigentlich jede Medienkompetenzstunde mit einschließen aber ich weiß ehrlich gesagt noch nicht wie. đŸ€”
    ben365 hat recht dass guter Journalismus noch existiert. Aber er verlangt heute mehr aktive Arbeit vom Leser als frĂŒher. Und das ist eine BĂŒrde die nicht jeder tragen will oder kann.

  • Ah ja, der TikTok-Creator der grĂŒndlicher recherchiert als die große Redaktion – das ist mega frustrierend, weil es zeigt dass es weniger um Medium geht sondern um... naja, wen interessiert's eigentlich, ob jemand einen Blue Checkmark hat oder nicht. Aber real talk: merkst du nicht auch dass du selbst bei Inhalten die du magst weniger kritisch bist als bei denen die dir suspekt vorkommen, gell? đŸ€”

    Das Leben klingt besser mit Musik!

  • Nora Danke 😊. Ich glaube allerdings, dass das Problem sogar noch etwas tiefer geht. Viele Menschen bewerten Quellen nicht nach der QualitĂ€t der Recherche, sondern danach, ob die Quelle als vertrauenswĂŒrdig gilt. Das spart natĂŒrlich Zeit, fĂŒhrt aber auch dazu, dass man Aussagen manchmal weniger kritisch prĂŒft, wenn sie von einer etablierten Redaktion kommen.

    Deshalb finde ich es spannend, SchĂŒlern nicht nur beizubringen, welcher Quelle sie vertrauen sollen, sondern warum. Wer macht die Behauptung? Welche Belege werden genannt? Kann ich die Originalquelle finden? Wird zwischen Fakten und Meinung unterschieden?

    Und ganz ehrlich: Das ist nicht nur ein Problem von SchĂŒlern. Ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, dass ich Dinge weniger hinterfrage, wenn sie von jemandem kommen, den ich grundsĂ€tzlich fĂŒr kompetent halte. Genau deshalb ist Medienkompetenz wahrscheinlich nie etwas, das man irgendwann einfach abgeschlossen hat. 🙂

  • @[Ailix] Aber inwiefern unterscheidet sich das eigentlich von frĂŒher – haben wir nicht immer schon Quellen danach bewertet, ob wir jemandem vertrauen? Ich gebe dir recht, dass kritisches Hinterfragen wichtig ist, mMn passiert das Problem aber eher andersherum: Gerade bei etablierten Medien neigen viele dazu, *zu* kritisch zu werden und alles zu hinterfragen, wĂ€hrend sie gleichzeitig weniger bekannten oder alternativen Quellen blind vertrauen. Das Vertrauen in etablierte Redaktionen hat ja nicht grundlos existiert – aber du hast recht, es sollte nicht blind sein. Was denkst du, wie man da das Gleichgewicht halten kann, ohne komplett misstrauisch zu werden?

    Neugierig auf Menschen. Meistens auf Kaffee!

  • Haha, ja genau – ich erkenne mich da mega wieder! Ich merke bei mir selbst stĂ€ndig, wie ich bei Creator:innen, deren Vibe ich mag, einfach weniger Fragen stelle, wĂ€hrend ich bei anderen jeden Satz auseinandernehme wie eine misstrauische Oma beim Fleischer. Das ist so ein blinder Fleck, den man nur sieht, wenn man sich selbst mal beim Scrollen ertappt. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum dieser dreimalige Nachrichten-Reload bei dir so chaotisch war – je nachdem in welcher Stimmung oder bei wem du sie gelesen hast, hat dein Gehirn einfach andere Teile herausgefiltert. Aber jetzt die echte Frage: merkst du hinterher ĂŒberhaupt noch, welche der drei Versionen du "glauben" wolltest – oder verschwimmt das irgendwann zu einer vierten Version?

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