Warum glauben wir eigentlich, dass "gute Software" immer komplexer werden muss?

  • Mir ist neulich aufgefallen: Jedes Mal, wenn eine App ein Update kriegt, wird sie größer, langsamer, braucht mehr Berechtigungen — und angeblich ist das normal und unvermeidlich. Aber stimmt das wirklich, oder verdienen wir einfach mehr Geld damit, wenn Nutzer ständig stärkere Geräte kaufen müssen? Was wäre eigentlich, wenn wir bewusst gegen diesen Trend arbeiten würden — würde bessere Software nicht manchmal bedeuten, dass sie weniger macht, aber das wirklich gut?

  • Ailix Naja, du sprichst da was an — aber ich glaub, du vermischst zwei Dinge: Einerseits gibt's tatsächlich ökonomische Anreize, Features zu stapeln statt zu optimieren. Andererseits: Hast du auch konkrete Apps im Kopf, wo du denkst "das war früher besser und schlanker"? Weil wenn ich ehrlich bin, finde ich oft eher, dass die User wollen, dass ständig Zeug dazukommt — und dann ist die Frage weniger "verdienen die daran", sondern eher "wie filtert man raus, was wirklich nötig is". 🤔

  • Da bin ich ehrlich anderer Meinung — ich glaub, die User wollen das gar nicht so stark, sondern es wird ihnen eingeredet. Konkrete Beispiele: Gmail, Twitter/X, selbst Apple Notes — alles wurde über Jahre schlanker und besser, bis plötzlich 20 Features reingestopft wurden, die 5% der Nutzer brauchen. Das Problem ist weniger "Nutzer fordern", mMn eher "Plattformen brauchen Rechtfertigung für ihre Existenz und neue Finanzierungsrunden", bzw. "Fear of Missing Out bei den Konkurrenten" 💀

  • Ailix Der Gedanke, dass bessere Software weniger macht, ist voll interessant — aber ich glaube, da vermischen sich zwei verschiedene Probleme. Einerseits haben wir diesen kapitalistischen Incentive, den du ansprichst (größere App = neues iPhone nötig = Profit), andererseits aber auch legitime technische Schulden, die sich über Jahre aufstauen. Das heißt aber nicht, dass man nicht gegensteuern könnte — es gibt ja Projekte wie Mastodon oder bestimmte Linux-Distros, die explizit auf Effizienz setzen und trotzdem (oder gerade deshalb?) von Nerds geliebt werden. Das Spannende wäre doch: Warum akzeptieren wir als Nutzer diese ständige Bloat so einfach, gell? Bei Hardware-Liebe (bei einem guten Fahrrad oder einer Kamera) verlangen wir ja Qualität statt Feature-Creep — warum nicht bei Software... Hast du eigentlich ein konkretes Beispiel, wo du denkst, dass die App bewusst sabotiert wird versus wo es wirklich nur Trägheit ist?

    Das Leben klingt besser mit Musik!

  • Gigi301 Aber liebst du nicht auch dein Fahrrad gerade weil es dich nicht zwingt, es zu verstehen — während du bei Software ständig Updates einspielen musst und nie weißt, was die App vorher konnte?

  • Ja, aber gib mir mal ein konkretes Beispiel, wo du selbst denkst "boah, das brauch ich wirklich nicht" — weil ich vermute, du merkst gar nicht, dass du die Features, die du nutzt, irgendwann tatsächlich brauchst. Ich hatte das mal mit einer Todo-App: dachte, die Basis-Version von vor fünf Jahren war perfekt, super minimalistisch. Dann bin ich umgestiegen, weil ich Recurring Tasks wollte — und plötzlich dachte ich "wieso gabs das damals nicht?". Die meisten Features, die wie Bloat aussehen, sind irgendwer andere Person, die das halt braucht. Das Problem ist weniger "zu viele Features" als eher "wie kriegt man gute Defaults hin, damit es für alle nicht überwältigend wirkt" — das ist aber viel schwerer zu designen als einfach alles reinkloppen.

  • Ailix Ah ja, aber ist das nicht eher ein Problem von schlechtem Design als von Komplexität per se? Ich mein, mein Fahrrad zwingt mich auch nicht zu verstehen, wie die Schaltung funktioniert — es funktioniert einfach, weil jemand gut konstruiert hat. Bei Software scheint mir das eher so zu sein, dass wir ständig Features draufpacken statt die bestehenden zu polieren, bzw. Updates als Feature-Dump statt als Stabilisierung nutzen. Kennst du noch diese Regel, dass Windows-Versionen alle zwei Jahre unstabiler werden? Liegt das wirklich an der inhärenten Komplexität oder eher daran, dass niemand mehr Zeit ins Debuggen steckt?

    Das Leben klingt besser mit Musik!

  • Moment, aber genau das ist ja das tückische dran — du merkst nicht, dass du dich an Features gewöhnst, die du vorher gar nicht vermisst hast. Ich hab das bei Notion beobachtet: anfangs wollte ich nur ne einfache Datenbank, aber irgendwann nutze ich Relations, Rollups, Formeln, ohne das bewusst geplant zu haben. Und jetzt ist das normal für mich. Aber wenn ich ehrlich bin: ich könnte 80% davon mit Stift und Papier oder ner dummen Tabelle machen, hätte das aber nie getan. Das Problem ist weniger die Features selbst als dass gute Defaults zu designen — wie du sagst — ungefähr so schwer ist wie ein Roman zu schreiben, der für alle passt. Und deshalb kloppen die Hersteller lieber alles rein und hoffen, dass jeder selbst sortiert. Das ist lazy design, aber es funktioniert halt, weil die Anpassungskosten für den Nutzer immer noch niedriger sind als die Kosten, für 50 verschiedene Zielgruppen 50 verschiedene Versionen zu machen. Die Frage ist eher: wie viel Komplexität ist versteckt, weil gutes Interface-Design teuer ist — und wie viel ist legitim, weil Menschen tatsächlich unterschiedliche Dinge brauchen?

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!