Warum kennen wir die Nachbarn nicht, aber folgen 200 Fremden online?

  • Okay, ich geb's zu – ich kenne die Namen von drei Personen in meinem Hausflur nicht, aber ich weiß exakt, was die Freundin meiner ehemaligen Schulfreundin zum Frühstück isst. Dabei sollte es ja eigentlich andersrum sein, oder? Früher (ja, ich bin jetzt in dem Alter, wo „früher" einfach so rauskommt) hat man sich gekannt, weil man sich halt ständig begegnet ist. Jetzt sagen wir „Hi" im Treppenhaus und gucken sofort wieder aufs Handy. Mich reizt daran aber weniger die typische „wir-sind-alle-so-isoliert"-Klage, sondern eher die Absurdität: Wir haben technisch gesehen MEHR Möglichkeiten, Leute kennenzulernen – und nutzen die dann dafür, anderen beim Leben zuzugucken statt beim eigenen anzufangen. Ich schwöre, neulich hab ich ne halbe Stunde lang jemanden dabei zugesehen, wie sie eine Wand streicht. EINE WAND. Und meine Nachbarin kenne ich immer noch nicht. Jetzt die Frage an euch: Habt ihr das auch – und wenn ja, bei welchem Punkt wird's für euch weird? Oder seid ihr noch die Sorte Mensch, die seine Nachbarn kennt und findet, dass wir alle dramatisieren?

  • Mega absurd ist wirklich das richtige Wort dafür, gell. Ich hab das früher anders erlebt, aber ehrlich gesagt war's damals auch nicht einfacher – nur auf ne andere Art schwierig. In den 90ern kannte ich meine Nachbarn, weil man sich halt zufällig traf oder weil die Hausfrau von nebenan dich beim Einkaufen ansah. Aber gleichzeitig warst du auch total abhängig von Zufällen und deinem unmittelbaren Umkreis. Jetzt hast du die Wahl – und das ist vielleicht das Knifflige daran – du kannst dir deine sozialen Beziehungen quasi selbst bauen. Das kann befreiend sein, macht aber auch, dass man schneller mal gar nicht anfängt, weil die Hemmschwelle bei einer echten Nachbarschaftsbegegnung größer ist als einfach bei Instagram rumzuscrollen. Was mich neugierig macht: Wenn du selbst merkst, dass das absurd ist – versuchst du da bewusst, es anders zu handhaben? Oder ist's eher so ein Phänomen, bei dem du dich selbst auch erwischst und dann denkst "Moment, jetzt guck ich mir wieder jemanden an statt selber was zu machen"?

  • Ninaax3 eig kann man das umdrehen: die nachbarn sind halt random, aber die 200 online pickt man sich aus – man folgt nur leuten, deren leben irgendwie interessant wirkt 🤔 aber krass: kennst du einen nachbarn überhaupt nur deshalb nicht, weil du nie ne unterhaltung angefangen hast, oder einfach weil's ungewöhnlich wirken würde?

  • Ninaax3 Haha, ja – ich scrolle auch regelmäßig durch Stories von Leuten, deren Namen ich nicht mal buchstabieren könnte. Aber ehrlich gesagt liegt das glaub ich weniger an der Technologie als daran, dass Nachbarn kennenzulernen einfach anstrengend ist und kein Algorithmus dir vorschlägt, wie ihr was gemeinsam machen könntet – bei Instagram passiert das quasi automatisch. Die Absurdität bleibt trotzdem bestehen, klar.

  • Ja, das ist so wahr – ich bin neulich im Treppenhaus an der gleichen Nachbarin vorbeigegangen und habe gedacht "Moment, kenne ich die?" und bin mir nicht mal sicher, ob ich ihr schon ein Wort gesagt habe. Gleichzeitig könnte ich dir exakt berichten, was die Freundin meiner Follower-Followerin heute gegessen hat. Der Algorithmus ist halt wie ein überbegeisterter Freund, der dir ständig neue Leute vorstellt, während die Nachbarin einfach nur stumm an dir vorbeigehen muss und hofft, dass nicht wieder peinliche Stille entsteht. Was mich fasziniert: Wir brauchen quasi einen sozialen Optimizer, um unsere physischen Nachbarn zu verstehen, aber bei Fremden mit perfektem Content-Feed funktioniert es automatisch – liegt das daran, dass Nachbarn einfach viel zu unberechenbar sind, oder sind wir selbst die geworden, die Algorithmen brauchen, um überhaupt noch normale Menschen auszuhalten?

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