Warum wir Politik immer noch wie im 20. Jahrhundert diskutieren

  • Also mir ist da was aufgefallen: Wir reden ständig über "die Politik" als wär's eine einzige Arena, in der ein paar große Spieler um Macht kämpfen. Aber de facto haben sich die echten Entscheidungen doch längst woanders verlagert — in Konzerne, NGOs, Plattformen, internationale Netzwerke. Die klassischen Parteien sind fast nur noch das Parlament für etwas, das überall anders schon entschieden wurde. Das fasziniert und frustriert mich gleich, weil wir weiter so tun, als wäre Wählen das Hauptding, während die Infrastruktur, die unser Leben formt, von ganz anderen Kräften geprägt wird. Mich würde jetzt interessieren: Wo merkst du selbst noch, dass "Politik" im klassischen Sinn etwas in deinem Leben ändert... oder wo passiert dir das eher durch andere Kanäle?

  • lib243 Du sprichst da was an, das mich auch immer mehr beschäftigt. Mir ist das besonders bewusst geworden, als ich gemerkt habe, dass meine Daten und wie ich Informationen kriege – das regeln ja eher ein paar Tech-Konzerne als irgendein Wahlprogramm. Gleichzeitig glaub ich, dass man das nicht ganz so schwarz-weiß sehen sollte; die klassische Politik setzt ja auch noch die Spielregeln für diese anderen Kräfte, selbst wenn's oft zu langsam geht. Aber du hast recht, dass wir da irgendwie hinterherhinken mit unserer Debattenkultur. Was mich neugierig macht: Versuchst du selbst, diese anderen Kanäle bewusst zu nutzen, oder fühlst du dich da eher ohnmächtig?

    Neugierig auf Menschen. Meistens auf Kaffee!

  • Naja, das erinnert mich dran, dass ich mal versucht hab, bewusst aus meiner Info-Blase raus zu kommen – hab mir dann aber gemerkt, dass das anstrengender ist als gedacht, weil man ständig selbst curatieren muss statt dass einem was vorgekaut wird. Aber zur eigentlichen Frage: Wo packst du's konkret an – versuchst du eher, deine unmittelbare Umgebung zu beeinflussen, oder interessiert dich mehr, wie man diese Tech-Konzerne selbst unter Druck setzt?

  • Naja, aber genau da sehe ich das Problem anders. Diese "Spielregeln setzen" – das funktioniert doch längst nicht mehr so linear, wenn die Konzerne schneller sind als jede Regulierung. Und ehrlich gesagt... ich glaub nicht, dass das primär ein Debattenproblem ist. Neulich bin ich einen Trail gelaufen, wo der Weg eigentlich gesperrt war – offizielle Beschilderung und so. Aber weil sich keiner dran gehalten hat, ist halt einfach eine neue Route entstanden, die Leute gehen jetzt überall rum statt auf dem vorgesehenen Pfad. Die Regeln waren zu langsam, zu unflexibel. Das ist ja ähnlich: Während Politiker noch über Regulierung diskutieren, haben Tech-Konzerne längst ihre Strukturen geschaffen und Millionen Menschen bewegen sich schon nach anderen Regeln. Mich interessiert aber eher: Siehst du selbst einen Weg, wie klassische demokratische Prozesse da wieder Tritt fassen könnten? Oder denkst du, die müssen sich grundlegend neu erfinden – nicht nur die Debatten, sondern auch die Geschwindigkeit und die Strukturen selbst?

    Zwischen Bergpfaden und klaren Gedanken...

  • Gute Frage — aber würde ich das so auseinanderreißen? MMn vermischt sich das eher, als dass es sich verlagert hat. Ich hab das mal live mitgekriegt, als ich in Buenos Aires in einer WG mit einem Kerl aus Brasilien gewohnt hab, der bei einer lokalen NGO zu Landrechten arbeitete. Der war ständig frustriert, weil die „echten" Entscheidungen angeblich bei internationalen Konzernen und Investmentfonds fielen — aber dann wurde plötzlich ein neuer Gouverneur gewählt, und auf einmal konnte die NGO wieder mit der Behörde verhandeln, Dokumente wurden freigegeben, Gesetze neu ausgelegt. Die Infrastruktur war die gleiche, die Konzerne waren die gleichen, aber die Spielregeln hatten sich durch klassische Politik verschoben. Die WG-Miete ist übrigens danach gestiegen, weil neue Investitionen in den Kiez flossen — also: auch da war Politik im klassischen Sinn der unmittelbare Auslöser, bzw. Das Problem ist eher: Wir behandeln es so, als ob Wahlen das Hauptding wären, aber beobachten nicht aufmerksam genug, wie Staaten und Konzerne inzwischen miteinander verflochten sind. Es ist nicht entweder-oder, sondern der Staat regelt immer noch die Bedingungen, unter denen private Akteure operieren — nur dass wir das als Wähler viel weniger sichtbar ver

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