Die größte Nachfolgewelle in der Geschichte des deutschen Mittelstands läuft gerade, und die meisten Betriebe fangen zu spät an

  • Hallo zusammen, ich bin Friedel Opitz und habe beruflich viel mit Unternehmern zu tun, auch in Fragen von Finanzierung, Umstrukturierung und Übergabe. Ein Thema begegnet mir gerade so häufig, dass ich es hier mal zur Diskussion stellen möchte. Es betrifft weit mehr Menschen, als die öffentliche Debatte vermuten lässt.

    Die Zahlen zuerst, weil sie die Dimension zeigen: Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn schätzt, dass allein zwischen 2026 und 2030 rund 186.000 Unternehmen zur Übergabe anstehen. In den kommenden zehn Jahren wechseln nach Schätzungen aus der Branche Unternehmenswerte in einer Größenordnung von etwa einer Billion Euro den Eigentümer, oder sie verschwinden, wenn sich niemand findet. Das ist kein Randthema, das ist einer der größten wirtschaftlichen Umbrüche dieser Dekade, und er läuft weitgehend unter dem Radar.

    Was mich in der Praxis immer wieder überrascht, ist nicht das Ob, sondern das Wann. Fast die Hälfte der inhabergeführten Betriebe hat einen Inhaber, der älter als 55 ist. Trotzdem wird die Nachfolge regelmäßig aufgeschoben. Der Satz, den ich am häufigsten höre, ist sinngemäß: „Ich bin noch nicht so weit." Das Problem ist, dass eine saubere Übergabe im Mittelstand realistisch fünf bis zehn Jahre braucht. Ein Betrieb muss erst übergabefähig gemacht werden, und das ist oft der eigentliche Knackpunkt.

    Übergabefähig heißt vor allem: unabhängig vom Inhaber. In vielen kleineren und mittleren Unternehmen hängt fast alles an einer Person. Die Kundenbeziehungen, das Wissen über Abläufe, die Lieferantenkontakte, manchmal sogar die Passwörter. Solange das so ist, kauft niemand den Betrieb zu einem vernünftigen Preis, weil mit dem Abschied des Inhabers das halbe Unternehmen mitgeht. Der wertvollste und zugleich unsichtbarste Teil einer Nachfolge ist deshalb, den eigenen Betrieb Stück für Stück so aufzustellen, dass er ohne einen selbst funktioniert. Das ist unbequem, weil es das eigene Ego berührt, aber es ist der entscheidende Hebel.

    Der zweite Engpass ist das Finden eines Nachfolgers. Man würde meinen, bei so vielen abgabewilligen Betrieben sei das kein Problem, aber das Gegenteil ist der Fall. Es fehlt massiv an Übernehmern. In den offiziellen Beratungsstatistiken kommen auf jeden ernsthaften Interessenten mehrere abgabewillige Unternehmer, und ein erheblicher Teil der Betriebe steht am Ende ganz ohne einen einzigen Interessenten da. Die Übergabe innerhalb der Familie, früher der Normalfall, ist heute die Ausnahme. Das öffnet interessante Wege, etwa die externe Nachfolge, bei der jemand von außen einen bestehenden Betrieb übernimmt statt neu zu gründen. Für den Übernehmer hat das einen unterschätzten Charme: Man startet nicht bei null, sondern steigt in einen laufenden Betrieb mit Kunden, Produkten und Erträgen ein.

    Was ich aus all dem mitnehme, und was ich jedem mitgebe, der sich dem Thema nähert: Nachfolge ist ein Prozess, keine Transaktion. Wer sie als einmaligen Verkaufsakt am Ende des Berufslebens versteht, verschenkt Wert und Zeit. Wer früh anfängt, hat die Wahl. Wer wartet, riskiert am Ende, keine mehr zu haben, und im schlimmsten Fall die stille Stilllegung eines Betriebs, in dem Jahrzehnte an Arbeit stecken.

    Mich interessiert eure Erfahrung, gerade von denen, die selbst mitten im Prozess stecken oder ihn hinter sich haben: Wann habt ihr angefangen, ernsthaft über die Übergabe nachzudenken? Und was war die größte Hürde, das Loslassen, die Bewertung, oder tatsächlich das Finden der richtigen Person?

  • Sehr guter Punkt mit der Übergabefähigkeit. Ich hab das selbst bei meinem Vater erlebt, der wollte partout nicht loslassen, obwohl er längst wusste, dass es Zeit wird. Am Ende hat er sich zwei Jahre vor der eigentlich geplanten Übergabe hinsetzen müssen, weil ein Kunde plötzlich abgesprungen ist, der eigentlich nur über ihn persönlich lief. Da hat's klick gemacht.

    Die größte Hürde war bei uns tatsächlich das Loslassen, nicht die Bewertung. Die Zahlen kriegt man mit nem guten Steuerberater relativ sauber hin. Aber emotional den Betrieb wirklich abzugeben, das dauert.

  • Ich berate selbst in dem Bereich und kann die 5-10 Jahre nur unterstreichen. Die meisten kommen viel zu spät zu uns, oft erst wenn gesundheitlich schon was passiert ist oder der Nachfolger plötzlich abspringt. Dann bleibt nur noch Schadensbegrenzung.

    Was in der Diskussion noch fehlt: viele Inhaber unterschätzen auch, wie sehr sich der Betrieb während der Übergabephase selbst verändern muss. Prozesse dokumentieren, Verantwortung verteilen, das kostet Zeit und Geld, bevor überhaupt ein Käufer im Bild ist.

  • FriedelOpitz Ich sehe das Argument und die Zahlen sind beeindruckend, aber mich würde interessieren: Wenn 186.000 Unternehmen zur Übergabe anstehen, wie viele davon scheitern denn tatsächlich, weil es zu spät angefangen wurde, und wie viele verschwinden einfach, weil sie wirtschaftlich nicht mehr tragfähig sind oder der Markt sie nicht mehr braucht? Kann man die beiden Probleme wirklich so einfach zusammenfassen, oder ist "zu spät anfangen" manchmal auch nur das sichtbare Symptom für etwas Tieferes?

  • Ailix "Zu spät anfangen" ist wahrscheinlich oft einfach die bequeme Erklärung für etwas, das viel komplizierter ist – so wie ich auch lange dachte, dass mir nur Disziplin beim Schlafen fehlte, bis ich gemerkt hab, dass das Problem eigentlich chronischer Stress war, den ich nicht adressiert habe.

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