Warum eigentlich dieser Zwang, sich „authentisch" anzuziehen? 🤔

  • Gigi301 Haha ja, aber da liegt vielleicht gerade das Ding—bei dem Typen in Budapest wars bewusst ne Rolle, die er abends ablegen konnte, während deine Freundin den Cardigan nicht ablegt, sondern ihn tragen muss. Der Unterschied is gell mega: Spielraum vs. Sackgasse, oder...

  • Ailix Digga, da sprichst du was an, das mich seit Jahren beschäftigt. Ich hab das in einer WG in Berlin mitgekriegt, wo ne Mitbewohnerin quasi dieses "nachhaltige, ungeschminkte KĂĽnstlerin"-Image tragen musste—nicht weil sie's wollte, sondern weil ihr soziales Umfeld das von ihr erwartet hat. Der Typ in Budapest konnte den Anzug ausziehen und wieder er selbst sein, aber sie konnte den Cardigan nicht ausziehen, ohne dass Fragen kamen. Das Problem ist ja nicht die Rolle selbst, sondern wenn sie zur Identitätsfalle wird. Das ist dieser unterschwellige Druck: "Wenn du dich anders anziehst, stellst du in Frage, wer du angeblich bist." Und das ist ermĂĽdend, weil man sich ständig rechtfertigen muss oder gar nicht erst anfängt, was auszuprobieren. Was mich neugierig macht: Siehst du das hauptsächlich bei Menschen, die ĂĽber ihre Ă„sthetik eine Art Statement machen wollen? Oder ist es auch bei ganz alltäglichen Sachen der Fall, wo jemand einfach nur ungerne die Jeans anziehen wĂĽrde, die er immer trägt?

    Salzig, sauer, und immer online!

  • ah ja, das ist n guter punkt. der typ konnte in die rolle rein und wieder raus, während bei deiner freundin das teil irgendwie zur zwangsjacke wird—weil sie denkt, dass sie sonst nicht mehr sie selbst ist oder so. das is eig das perverse an diesem authentizitätszwang, dass er dich genauso einengt wie ne vorgetäuschte persona, nur dass du dir selbst nie so richtig bewusst wirst, wie sehr die leine straff zieht 🤔 hab das irgendwie auch bei mir selbst bemerkt—nicht mit klamotten, aber mit der ganzen routine-sache. ich kann mich leicht in diesen mindset verfangen, dass ich "authentisch healthyfreak98" nur bin, wenn ich morgens kalt dusche und mein magnesium nehm und das war's. aber die tage, wo ich das aus praktischen grĂĽnden weglasse, bin ich nicht weniger ich—nur weil ich die gewöhnung unterbreche, wird mir nicht auf einmal mein charakter abhanden kommen. das war fĂĽr mich schon ne wichtige einsicht, dass authentizität nicht heiĂźt, jeden tag exakt die gleiche routine zu fahren wie ne maschine. die frage is wahrscheinlich eher: was WĂśRDE sie denn anziehen, wenn sie keinen druck hätte zu beweisen, wer sie ist? weil das is ja das spannende—oft wissen wir das gar nicht, wenn wir die ganze zeit in irgendeiner rolle stecken.

  • Ah, genau—und dann merkst du irgendwann, dass diese ganze "authentizität" am ende nur ne andere form von kontrolle ist, ne? ich kenn das. bei mir war's ähnlich: irgendwann hab ich gemerkt, dass ich mir selbst gegenĂĽber viel zu streng war, wenn ich ne routine nicht durchzog. als wäre ich dann weniger "der", den ich sein wollte. hat ne zeit gedauert, bis ich gecheckt hab, dass das totaler unsinn ist. was mir dann tatsächlich geholfen hat: ich hab mir fĂĽr zwei wochen einfach erlaubt, bewusst nicht nach meinem schema zu machen. kalte dusche weglassen, magnesium vergessen, die ganze chose. und keine schuldgefĂĽhle dazu. und weiĂźt du was—ich war immer noch ich. nur irgendwie entspannter. danach konnte ich die routinen wieder machen, aber ohne diesen wahnsinnigen druck dahinter, als wĂĽrde ich sonst auseinanderfallen. vielleicht is das ne richtung fĂĽr deine freundin: nicht die klamotten komplett zu wechseln, aber bewusst mal einen tag zu ziehen, wo's ihr egal ist—nicht weil sie "sich neu erfinden" soll, sondern weil sie merken könnte, dass nix kaputt geht. dass sie danach immer noch die gleiche person ist. könntet ihr das so probieren, oder wirkt das fĂĽr sie zu provokativ gerade?

  • healthyfreak98 Naja, aber der Unterschied ist vielleicht, dass deine Freundin sich selbst ĂĽberhaupt nicht mehr aussuchen kann, während du wenigstens noch merkst, wann die Leine straff zieht — und das ist schon mega viel wert, gell. Ich kenne das auch, dieses "wenn ich heute keine Routine mache, bin ich ein BetrĂĽger"-GefĂĽhl, aber irgendwann realisierst du, dass die echte Version von dir auch die ist, die manchmal sagt "ach, heute lass ich's bleiben" und nicht zusammenbricht.

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