Hat die Digitalisierung unsere Fähigkeit zu lesen eigentlich verändert?

  • Mich würde interessieren, ob ihr beim Lesen von längeren Texten – sagen wir, ein klassischer Roman – merkt, dass eure Aufmerksamkeitsspanne anders funktioniert als früher? Ich frag deshalb, weil ich neulich eine Studie über Eye-Tracking gelesen hab, die zeigt, dass wir beim Scrollen durch Social Media völlig andere Augenbewegungsmuster haben als beim klassischen Buch. Das hat mich irgendwie verunsichert – lese ich Proust wirklich gleich wie früher, oder hab ich mir unbewusst neue Lesegewohnheiten antrainiert? 📚

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  • Würde eher sagen: das ist weniger ein Digitalisierungs-Problem, sondern eher eine Aufmerksamkeits-Management-Frage 🤔 Ich hab gemerkt, dass ich längere Texte (oder Bücher) problemlos lesen kann, aber vorher muss ich soziale Medien bewusst weglegen – nicht weil mein Gehirn kaputt ist, sondern weil Scrollen einfach stärker dopaminerge Trigger hat und ich dann... ja, das Tempo erwartet. Mit klassischem Buch braucht's halt 5–10 Minuten, bis ich wieder im Text bin, dann funktioniert's wie immer. Deine Eye-Tracking-Studie zeigt wahrscheinlich eher: verschiedene Aufgaben, verschiedene Bewegungsmuster – nicht automatisch Verfall der Fähigkeit.

  • Gigi301 Ich glaub, die Studie beschreibt eher ein Symptom als die Krankheit – wir lesen nicht schlechter, wir lesen einfach anders je nachdem was. Bei mir ist das krass: Wenn ich morgens vor der Arbeit noch schnell News scrolle, bin ich danach absolut ungeeignet für konzentriertes Lesen. Aber wenn ich mir dann abends tatsächlich Zeit nehme und in einen Roman reingeh, funktioniert das deep reading immer noch. Allerdings muss ich dabei viel bewusster einsteigen, also so zwei, drei Seiten bis mein Kopf überhaupt im richtigen Modus ist. Früher war das automatischer, glaub ich. Mein Partner hat vor kurzem angefangen, wieder mehr Bücher zu lesen, und der sagt genau das gleiche – die erste Viertelstunde ist anstrengend, aber dann läuft's. Was mich mehr beunruhigt als die Eye-Tracking-Muster ist eher, dass viele Menschen (mich eingeschlossen) längere Texte gar nicht mehr anfangen, weil die Hürde irgendwie höher geworden ist. Es geht nicht darum, dass wir nicht können, sondern dass wir vorher schon die Energie kalkulieren und oft entscheiden, dass uns ein Podcast reicht. Das ist ne andere Frage als Lesekapazität. Hast du beim letzten längeren Buch gemerkt, wo deine Aufmerksamkeit abgerutscht ist – oder war das gar

  • Also ich merk das echt bei mir selbst – wenn ich versuche, längere Texte zu lesen, springt mein Hirn ständig auf "nächster Input"-Modus um 😅 Ich hab das mal in einer total überladenen Hostel-Bibliothek in Budapest gemerkt, wo ich verzweifelt nach was zum Lesen gesucht hab und nur so alte dicke Bücher gefunden hab – bin nach zehn Minuten eingeschlafen, obwohl ich normalerweise gerne lese. Mittlerweile les ich aber bewusst wieder Romane und merke, dass es tatsächlich wie ein Muskel ist: nach ner halben Stunde schaltet das Gehirn wieder in den tieferen Modus um. Die Frage ist eher, ob wir die Fähigkeit verlieren, wenn wir sie nicht trainieren – nicht ob wir sie schon verloren haben.

    Salzig, sauer, und immer online!

  • Gigi301 Moment – wenn du merkst, dass du beim Roman selbst anders bist als früher, oder mehr so, dass du dich schwerer reinfindest? Das ist ein Unterschied 🤔 Mich hat das beim Trailrunning eigentlich ziemlich klar gemacht: Anfangs dachte ich, meine Konzentration ist einfach weg, aber dann hab ich gemerkt, dass es nicht weg ist – sie ist nur anders trainiert. Wie ein Muskel, der andere Bewegungen gewöhnt ist. Wenn ich direkt vom Handy zu Proust gehe, bin ich unruhig, ja. Aber wenn ich mir bewusst Zeit nehme und einfach anfange – ohne parallel was zu checken – kommt die alte Aufmerksamkeit zurück, mMn. Es ist eher eine Gewöhnung als eine echte Verlust. Die Augenbewegungsmuster ändern sich sicher, aber das bedeutet nicht, dass du nicht mehr kannst, sondern dass du umschalten musst, was ist ein kleiner Unterschied, oder? 📖

    Zwischen Bergpfaden und klaren Gedanken...

  • MaxTrail Das mit dem Muskel-Vergleich spricht mir total an – aber wie lange dauert bei dir dieser "Umschalt-Prozess" denn wirklich, bis du wieder in so einem langen Roman richtig drin bist? Ich merke bei mir, dass diese erste halbe Stunde manchmal brutal frustrierend ist, und ich frage mich, ob das einfach normal ist oder ob ich da zu ungeduldig bin.

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  • SauerkrautSurfer Naja, aber stimmt das wirklich so, dass das nur an der Digitalisierung liegt? Ich mein, du warst in ner Hostel-Bibliothek, hast dicke alte Bücher gefunden und bist eingeschlafen – aber das könnte genauso gut daran gelegen haben, dass du müde warst, dass die Bücher langweilig waren oder einfach weil Reisen anstrengend ist. Irgendwie vermischen wir da zwei Sachen: dass wir weniger Zeit zum Lesen haben (weil wir mehr auf Handy gucken) und dass wir nicht mehr können zu lesen. Das eine ist ein Zeitproblem, das andere... ich bin mir nicht sicher ob das wirklich so stimmt. Und mit dem "Muskel"-Vergleich – der ist ganz charmant, aber Lesen ist ja nicht wie Bizeps-Training, sondern eher wie eine Fertigkeit, die dir erstmal vielleicht Überwindung kostet bis es wieder klick macht. Hast du das Gefühl, dass es dir schwerer fällt einen Roman zu verstehen oder eher nur, dass du weniger geduld dafür hast... 🤔

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