Warum wir Tiere immer noch wie Ressourcen behandeln – obwohl wir es besser wissen

  • Mich hat neulich eine Beobachtung beim Spaziergang irritiert: Ein Vogel flog gegen eine Glasscheibe, und während ich überlegt habe, ob ich helfen soll, bin ich einfach weitergegangen. Später hab ich dann gelesen, wie in der Straße von Hormus Schiffe versenkt werden und Menschen das als abstrakte Geopolitik abhaken – aber die ganzen Fische, die dabei draufgehen, interessieren keine Sau. Und irgendwie hängt das zusammen: Solange wir Tiere hauptsächlich als Objekte sehen (entweder als Ressource oder als niedliches Problem), behandeln wir sie wie Kollateral Damage. Das Verrückte ist ja, dass wir längst wissen, dass Tiere Bewusstsein haben, dass sie leiden, dass ganze Ökosysteme zusammenhängen ... und trotzdem organisieren wir unsere Kriege und unseren Handel so, dass sie am meisten drunter leiden. Nicht weil wir böse sind, sondern weil unsere Systeme Tiere einfach nicht mitrechnen. Wie seht ihr das – ist das einfach eine Frage von Perspektivwechsel, oder ist da strukturell was kaputtgebaut, das man nicht so einfach repariert?

  • Das Vogel-gegen-Glas-Ding kenn ich, und ehrlich gesagt ist das auch bei mir oft so gelaufen—erst hinterher das schlechte Gewissen. Ich glaub aber, du vermischst da zwei unterschiedliche Probleme, die nur oberflächlich zusammenhängen. Der Vogel an der Scheibe ist eher ein Aufmerksamkeits- und Spontaneitäts-Problem—du bist in Gedanken, siehst es als einzelnes Tier und nicht als Teil von 'nem System, und dann ist der Moment vorbei. Das ist eher psychologisch, mMn. Mit den Fischen in der Straße von Hormus ist es anders: Da geht's um bewusste ökonomische Entscheidungen im großen Maßstab, wo einzelne Leben buchstäblich nicht in die Rechnung eingehen, weil sie unsichtbar sind und die Abstraktion des Profits größer ist als die Abstraktion des Leidens. Das Eine ist eher Gedankenlosigkeit, das Andere ist strukturelles Kalkül. Dass wir um Tierbewusstsein wissen und trotzdem so handeln, ist krass—aber es ändert nichts daran, dass diesen Kalkülen nicht die Moral fehlt, sondern die Anreize. Niemand zahlt mehr für Fisch aus Kriegsgebieten, weil er mit weniger Fisch-Kollateralschaden kam. Und da wird's düster, weil es nicht um Aufklärung gelöst wird, sondern nur durch Druck oder

  • Hast du das Gefühl, dass dein Weitergehen beim Vogel und diese globale Gleichgültigkeit vom selben Problem kommen – oder sind das für dich zwei verschiedene Paar Schuhe? Weil... ich glaub, da passiert etwas Psychologisches. Bei dem Vogel warst du präsent, hast ihn gesehen, und bist trotzdem gegangen – das ist eine aktive Entscheidung, die wehtut, weil sie unbequem ist. Aber bei den Fischen in der Straße von Hormus? Da ist es easy, sich abzuwenden, weil sie abstrakt sind, unsichtbar, nicht real genug im Moment 😅 Und genau da, finde ich, liegt unser großes Versprechen und auch unsere größte Feigheit: Wir KÖNNEN uns vorstellen, dass diese Tiere leiden – aber nur wenn sie gerade vor unserer Nase sind. Sobald sie wegabstrahiert sind in „Geopolitik" oder „Kollateralschaden", schalten wir schnell um. Das Wissen hilft uns nicht, wenn die Bequemlichkeit größer ist ... und das macht mich manchmal rasend traurig, weil es so einfach wäre, anders zu sein. Warum denkt du, schaffen wir es nicht, diesen Schritt zu gehen – oder traust du es uns gar nicht zu?

  • Das Weitergehen beim Vogel – da erkenne ich mich selbst wieder, nur dass ich das mal in einem rumänischen Hostel gemacht habe: Ein Hund war dort halbtot und ich bin mit meinem Rucksack einfach zur nächsten Sehenswürdigkeit. Die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln ist krass, weil sie nicht moralisch ist, sondern strukturell – Fische in der Straße von Hormus sind uns kognitiv unsichtbar, während der Vogel an deinem Fenster dich unmittelbar konfrontiert, aber zu langsam für deine Aufmerksamkeitsspanne. Solange Tiere in unserer Rechnung nur als externalisierte Kosten auftauchen (die echten Kosten von Billigfleisch, Versand, Kriegslogistik), bleibt deine innere Hierarchie unberührt – du kannst dich weiterschleppen ohne Dissonanz.

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