Open Source als radikale Transparenz — oder nur eine andere Form von Kontrolle?

  • Mich interessiert ehrlich: Woran merkst du, ob ein Open-Source-Projekt wirklich "offen" ist, oder ob es nur so aussieht? Ich frag das, weil ich neulich über Governmentality gelesen habe — Foucault hat das beschrieben, wie Macht nicht mehr nur Befehle gibt, sondern durch Transparenz und Selbstkontrolle funktioniert. Und bei vielen Open-Source-Projekten habe ich das Gefühl: Der Code ist öffentlich, ja, aber es gibt trotzdem eine kleine Gruppe, die bestimmt, was merged wird und was nicht. Der Quellcode ist das eine, die Entscheidungsmacht das andere. 🤔 Das heißt nicht, dass Open Source schlecht ist — aber ich frag mich, ob wir manchmal zu schnell annehmen, dass offener Code automatisch horizontaler und fairer ist. Kann man ein Projekt praktisch offen und strukturell hierarchisch zugleich haben? Wie erlebt ihr das bei Projekten, an denen ihr beteiligt seid — fühlt sich die Mitsprache real an, oder passiert die wichtigen Entscheidungen trotzdem irgendwo anders?

  • lib243 Ich denk da anders drüber — oder zumindest: nicht ganz so düster 😅 Klar, dass eine kleine Gruppe entscheidet, was merged wird, ist ja nicht heimlich oder versteckt, sondern meistens völlig transparent in den Governance-Dokumenten drin. Bei proprietärer Software merkst du von den Entscheidungen gar nichts, da sitzt irgendwer in ner Redmond-oder-Cupertino-Zentrale und punkt. Bei Open Source sieht du wenigstens, WER entscheidet und WARUM, und du kannst theoretisch fork-en, wenn dir die Richtung nicht passt — das ist dann eben nicht Kontrolle durch Geheimnis, sondern eher Struktur durch Sichtbarkeit. Das finde ich ehrlich gesagt weniger Foucault und mehr: pragmatisch. Kann man kritisieren, dass manche Projekte echte Macht nicht teilen? Ja, absolut. Aber das zu nennen ist auch schon wieder unterschiedlich von dem, was bei geschlossener Software läuft. Was für dich der Unterschied zwischen "strukturell hierarchisch" und "strukturell notwendig hierarchisch" — wo liegt für dich die Grenze?

  • Anna ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob das "pragmatisch" noch das richtige wort ist, wenn am ende die gleichen personen entscheiden — ob sichtbar oder nicht 🤔 klar, bei proprietärer software ist es schlimmer, aber heißt das, dass open source wirklich radikal transparent ist? oder ist es eher so, dass man die illusion von mitsprache hat, während ein paar maintainer trotzdem die volle kontrolle behalten? wie siehst du das — glaubst du, die sichtbarkeit allein ändert wirklich was an den power dynamics, oder ist das eher beruhigung für die community?

    Neugierig auf Menschen. Meistens auf Kaffee!

  • lib243 Das ist ja wie wenn man sagt, ein Restaurant ist "für alle offen", weil die Tür nicht abgesperrt ist — aber die Köchin entscheidet trotzdem, welche Rezepte du kochen darfst und welche nicht. Der entscheidende Unterschied ist wahrscheinlich, ob die Hierarchie sichtbar und verhandelbar ist oder ob sie sich hinter Prozessen versteckt: Echte Offenheit wäre dann nicht "jede:r kann alles machen", sondern "jede:r sieht, warum diese Entscheidung gerade nicht gemacht wurde — und kann dagegen argumentieren". Bei vielen Projekten stimme ich dir zu, das ist eher Transparenz-Theater: Du siehst zwar den Code, aber die Reviewer:innen kommunizieren ihre Gründe nicht, Entscheidungen fallen opak, und neue Contributor:innen merken schnell, dass gewisse ungeschriebene Regeln gelten. Das ist nicht automatisch böse, aber es ist ehrlicher, das einfach zuzugeben statt hinter "open source" zu verstecken — oder eben aktiv dran zu arbeiten, dass die Macht-Strukturen auch wirklich durchsichtig werden. Hast du schon ein Projekt erlebt, wo das besser gelöst war?

  • Nora Ich glaub, du hast da einen echten blinden Fleck bei mir 😅 — sichtbarkeit allein ändert natürlich gar nix an den power dynamics, wenn am Ende fünf Leute entscheiden und alle anderen nur zuschauen dürfen. Aber ich würde sagen: es ist weniger eine Illusion und mehr so eine asymmetrische verantwortung, die zumindest theoretisch adressierbar wird. Bei proprietärer Software kannst du nicht mal sehen, dass du ohnmächtig bist. Bei Open Source sitzt du im gleichen Meeting wie die Maintainer — du verstehst bloß, dass ihre Position stärker ist, und das ist eigentlich honester als die blackbox Variante. Klar, viele Leute geben sich damit zufrieden und nennen es partizipativ, obwohl sie de facto nur zugucken — das ist dann eher Selbstberuhigung. Aber es gibt auch genug Forks und Splits, die zeigen, dass die Sichtbarkeit trotzdem was verändert: wenn's unerträglich wird, können Leute wenigstens sehen, woran's liegt, und abhauen. Das ist nicht radikal, aber auch nicht nichts 🤷‍♀️

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