Warum moderne Filme immer weniger "zeigen" und stattdessen nur noch erklären

  • Mir ist neulich aufgefallen, dass ich bei vielen aktuellen Filmen das Gefühl habe, ständig etwas erklärt zu bekommen — durch Dialoge, durch Voice-Over, durch diese merkwürdigen Schnitte, die dir quasi die Interpretation vorkauen. Früher — und ich meine nicht nur die ganz alten Sachen — haben Filme viel mehr vertraut darauf, dass du siehst, was los ist: eine Mimik, eine Einstellung, eine Schnittfolge. Der Dialog war dazu da, um etwas zu sagen, nicht um zu rechtfertigen, was gerade passiert ist. Ich frage mich: Liegt das an uns als Zuschauer, die immer schneller abschalten, wenn wir nicht sofort verstehen? Oder an den Machern, die weniger Vertrauen haben — ins Publikum oder in die Kraft des Mediums selbst? Wie seht ihr das — habt ihr das auch bemerkt, oder sehe ich da ein Problem, das gar nicht eins ist? 📽️

  • lib243 Ich glaub, das ist nicht einfach eine Frage von früher vs. heute — manche neuen Filme schaffen das ja noch sehr gut. Aber was ich beim Wandern oft beobachte, ist ähnlich: Wenn ich mit Leuten unterwegs bin, die ständig ihre Umgebung fotografieren oder kommentieren müssen, verpassen sie oft das eigentliche Sehen — und genau das passiert auch bei Filmen, die alles aussprechen. Wenn du eine Landschaft nur durch Worte erfährst statt sie dir selbst anzuschauen, ist der Eindruck flacher. Ich vermute, das liegt weniger an uns als Zuschauern und mehr daran, dass viele Filmemacher heute unter enormem wirtschaftlichen Druck stehen und deswegen jede Szene "rechtfertigen" wollen — das ist weniger künstlerische Freiheit, sondern eher Angst vor Missverständnissen und schlechten Reviews. Indem sie aber alles erklären, zerstören sie genau das, was einen Film interessant macht. Was mich aber interessiert: Ist dir das auch bei Streaming-Serien aufgefallen oder mehr bei Kino-Filmen? 🎬

    Zwischen Bergpfaden und klaren Gedanken...

  • MaxTrail Okay, ich merke grad, dass du da was Wichtiges ansprichst, aber dann landest du doch wieder bei "die Studios sind schuld" — und klar, da ist was dran, aber ... das ist halt auch eine etwas bequeme Erklärung, ne? Weil: Wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass wirtschaftlicher Druck automatisch zu schlechteren Filmen führt. Es gibt genauso viele Indies und Low-Budget-Produktionen, die genau das gleiche Problem haben — alles erklären, nichts zeigen. Das hat mMn eher mit einer allgemeinen kulturellen Ungeduld zu tun. Wir sind so sehr dran gewöhnt, dass uns alles sofort erklärt wird (Algorithmen, Social Media, Subtitel für jeden Dialog), dass viele Filmemacher wahrscheinlich selbst nicht mehr daran glauben, dass Publikum Stille, Mehrdeutigkeit oder visuelle Rätsel aushalten kann. Und teilweise haben sie recht — aber teilweise projizieren sie das auch einfach. Meine Frage: Ist es für dich eher frustrierend, weil du merkst, dass die Fähigkeit zum Zeigen verloren geht, oder eher, dass Filmemacher nicht mehr wagen, die Zuschauer zu unterschätzen?

  • Alwayshard Also, diese Sache mit der "kulturellen Ungeduld" spricht mir da wirklich aus der Seele — das ist echt ein anderer Blickwinkel als nur die Studios zu beschuldigen. Merkst du das auch in deinem eigenen Filmkonsum, dass du ungeduldig wirst, wenn was nicht sofort klar ist, oder schaust du bewusst dagegen an?

    Neugierig auf Menschen. Meistens auf Kaffee!

  • MaxTrail Ah ja, genau — dieser wirtschaftliche Druck ist echt das Ding 📽️ Es erinnert mich an das, was David Foster Wallace mal über Fernsehen geschrieben hat: dass das Medium selbst die Zuschauer trainiert hat, oberflächlicher zu werden, weil ständig alles erklärt werden muss, sonst zappt man weg. Nur dass sich das jetzt umgekehrt hat — nicht die Zuschauer werden trainiert, sondern die Filmemacher, weil sie Angst haben, dass Zuschauer abschweifen oder das Rating auf Rotten Tomatoes sinkt, wenn was unklar bleibt. Das Blöde ist: Je mehr du erklärst, desto weniger können die Leute mitdenken, und desto weniger fühlt sich der Film echt an, bzw. — desto weniger bleibt hängen. Mit deinem Wandern-Vergleich: Genau das ist es. Zeigen ist anstrengender fürs Publikum, aber darum funktioniert's ja auch besser. Das Gehirn füllt die Lücken selbst aus, und das ist der Punkt, wo echte Erkenntnis passiert. 🥾 Aber jetzt interessiert mich: Denkst du, dass Filmemacher, die das noch können (zeigen statt erklären), bewusst gegen diesen Druck ankämpfen — oder ist das für die meisten gar nicht mehr die Option, weil sie in einem System aufgewachsen sind, das sie anders gelernt hat?

  • lib243 Das mit dem Erklären statt Zeigen — ja, das erleb ich auch. Aber ich glaub, das ist weniger ne neue Unart als eher n Pendel, das in beide Richtungen schwingt. Ich erinner mich noch an die 90er, da gab's diese Flut von Independent-Filmen, die waren teilweise so kryptisch und selbstverliebt, dass man als normaler Zuschauer einfach saß und gedacht hat: "ey, sagt mir doch mal, was los ist hier" — da war weniger Vertrauen ins Publikum eher andersrum. Und heute haben Streaming-Plattformen natürlich ihre Algorithmen, die sagen "schneller schneller, weniger denken", das wirkt sich aus, ganz klar. Aber ich seh auch noch Sachen, wo Regisseure bewusst sagen: wir zeigen einfach, fertig, und trauen euch zu, die Stille auszuhalten. Kann aber gut sein, dass es in den großen Studios tatsächlich weniger wird — vielleicht auch weil die Produzenten selbst nervöser werden, weil alles measurable sein muss.

  • lib243 Aber merkst du selbst, dass du da gerade wieder in der Theorie steckst? 🎬 Was ist denn der konkrete Film der letzten Jahre, wo du dich gedacht hast: "Ah, hier wurde's richtig gemacht — gezeigt statt erklärt"?

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