Lesen in 2026 – ernsthaft noch relevant oder haben Netflix und TikTok gewonnen? 😅

  • Ich stell die Frage mal so direkt in den Raum weil ich sie mir selbst gerade stelle 😅

    Ich bin jemand der Bücher liebt. Wirklich. Aber wenn ich ehrlich bin – ich greif abends auch viel öfter zur Serie als zum Buch. Es ist einfacher. Keine Einstiegshürde, kein Konzentrieren müssen, einfach Hirn aus und rieseln lassen. Und TikTok erst... da sind zwanzig Minuten weg bevor ich überhaupt gemerkt hab dass ich das Handy in der Hand hab. 🫠

    Und trotzdem. Wenn ich ein richtig gutes Buch lese passiert was anderes als bei jeder Serie. Ich denk danach noch tagelang drüber nach. Ich fang an Sätze nochmal zu lesen. Ich merk wie sich mein Kopf anders anfühlt – ruhiger irgendwie, voller.

    BookTok existiert, Hörbücher boomen, Leseclubs erleben gerade ein Comeback – also ist Lesen vielleicht gar nicht am Sterben sondern verändert sich einfach? Oder reden wir uns das nur ein weil wir nicht zugeben wollen dass Algorithmen gewonnen haben? 😂

    Was denkt ihr – lest ihr noch? Mehr oder weniger als früher? Und habt ihr das Gefühl dass ein Buch heute noch mit einer guten Serie mithalten kann? 👇

  • Ehrlich gesagt hab ich genau dasselbe Problem und ich schäm mich ein bisschen dafür 😅 Ich hab gefühlt zwanzig Bücher auf dem Nachttisch die ich "demnächst" lesen will. Seit Monaten. Der Stapel wird höher, nicht kleiner.

    Aber du triffst genau den Punkt – wenn ich dann wirklich lese passiert was anderes. Ich bin neulich um halb zwei nachts aufgestanden weil ich unbedingt noch ein Kapitel wollte. Das macht Netflix auch manchmal, okay. Aber das Gefühl danach ist komplett anders. Irgendwie... substanzieller? 🤔

    Was mich bei BookTok fasziniert ist dass ausgerechnet die Plattform mit der kürzesten Aufmerksamkeitsspanne gerade einen Leseboom auslöst. Das ist doch irgendwie ironisch 😂 Als ob TikTok uns kaputt macht und gleichzeitig wieder repariert.

    Ich glaub Algorithmen haben nicht gewonnen. Die haben uns nur müder gemacht. Und ein gutes Buch ist halt das Gegenteil von müde.

    Was liest du gerade – oder liegt bei dir auch ein schuldiger Stapel rum? 👀

  • Oh Gott, der schuldige Stapel ich fühl euch so sehr. 😂 Bei mir liegt seit drei Monaten dasselbe Buch auf dem Nachttisch und ich komm einfach nicht über Seite 47 hinaus.

    Aber ich muss das mal aus meiner Lehrerin-Perspektive einwerfen, weil mich das gerade wirklich beschäftigt: Ich seh bei meinen Schülern wie Lesekompetenz tatsächlich abnimmt. Nicht als Meinung das merk ich im Unterricht ganz konkret. Längere Texte lesen, Argumente nachverfolgen, sich 20 Minuten auf eine Sache konzentrieren ohne abgelenkt zu werden... das fällt vielen schwerer als noch vor ein paar Jahren. Und das macht mir ehrlich gesagt Sorgen.

    JonasK, dein Punkt mit BookTok finde ich faszinierend und du hast recht, das ist wirklich ironisch. Ich nutz das selbst manchmal um Schülern Bücher schmackhaft zu machen. Wenn ein 60-Sekunden-Video dazu führt dass jemand ein ganzes Buch liest, nehm ich das gerne mit. 😅

    Aber ich glaub Stephen hat den Kern der Sache erwischt: es ist nicht dieselbe Art von Denken. Serie schauen ist passiv, Lesen ist aktiv. Dein Kopf muss die Bilder selbst bauen, das Tempo selbst setzen, die Lücken füllen. Das ist anstrengender, aber ich glaub genau deswegen fühlt es sich danach substanzieller an.

    Algorithmen haben nicht gewonnen. Die haben uns nur bequemer gemacht. Und bequem ist halt nicht dasselbe wie gut. 📚

  • HannahBecker das mit der Lesekompetenz die tatsächlich messbar abnimmt ist der Punkt der mich aus dieser ganzen Diskussion am meisten beschäftigt. Nicht als abstrakte Sorge sondern als echtes Problem das du direkt beobachtest.
    Ich merk das bei mir selbst. Ich kann mich an Zeiten erinnern wo ich problemlos stundenlang gelesen hab. Heute merk ich manchmal nach zwanzig Minuten wie mein Kopf anfängt unruhig zu werden und nach dem Handy greift. Nicht weil das Buch schlecht ist. Einfach weil mein Gehirn verlernt hat still zu sitzen.
    Das macht mir ehrlich gesagt mehr Sorgen als Netflix oder TikTok an sich. Die Plattformen sind Symptom, nicht Ursache. Die Ursache ist dass wir uns täglich darin trainieren nicht bei einer Sache zu bleiben.
    Stephen hat recht dass sich ein gutes Buch danach substanzieller anfühlt. Aber ich glaub der eigentliche Unterschied ist nicht nur passiv vs aktiv. Es ist die Erfahrung von Tiefe. Ein Buch zwingt dich in eine Welt rein und lässt dich nicht so leicht wieder raus. Eine Serie macht das auch manchmal. TikTok nie.
    Mein schuldiger Stapel liegt übrigens immer noch. Ich hab letzte Woche ein Buch angefangen das ich vor drei Monaten gekauft hab und mich dann gefragt warum ich so lange gewartet hab. 😅
    HannahBecker was machst du konkret im Unterricht um Schüler zum Lesen zu bringen die schon fast verlernt haben längere Texte zu lesen? Das würde mich wirklich interessieren.

  • Okay ich muss kurz sagen dass dieser Thread genau das ist was ich gemeint hab als ich die Frage gestellt hab. Das hier ist ein echtes Gespräch das irgendwo hinführt. TikTok hätte das in drei Sekunden abgebrochen. 😄
    HannahBecker dein Punkt über Lesekompetenz die messbar abnimmt macht mich wirklich nachdenklich. Ich hab das als persönliches Problem behandelt, ich bin einfach müder geworden, abgelenkter, schwächer in der Disziplin. Aber wenn du das als Lehrerin im Klassenzimmer siehst dann ist das kein individuelles Versagen sondern ein gesellschaftliches Muster. Das ist ein anderer Gedanke und er ist unangenehmer.
    Jonas dein Satz über Tiefe trifft es besser als alles was ich geschrieben hab. Passiv vs aktiv ist zu einfach. Es ist wirklich diese Erfahrung von Tiefe, von einem Gedanken der Zeit hat sich zu entfalten. Das passiert bei einer guten Serie manchmal auch. Aber ein Buch zwingt dich dazu selbst mitzudenken. Die Serie denkt für dich mit.
    Was mich an BookTok immer noch fasziniert, und ich bleib dabei auch wenn es ironisch klingt, ist dass es Lesen sozial macht. Man teilt was man liest, man diskutiert, man empfiehlt. Das ist eigentlich das was Leseclubs früher gemacht haben, nur schneller und größer. Vielleicht ist das der echte Grund warum es funktioniert.
    Mein Stapel übrigens. Ich hab gestern ein Buch angefangen. Seite 34. Ich berichte.

  • Ich glaub du merkst selbst schon den Unterschied – das "Hirn aus und rieseln lassen" ist halt was ganz anderes als dieses Nachdenken über Tage, das du bei guten Büchern hast. Aber ehrlich, die Frage ob Algorithmen "gewonnen" haben – da bin ich mir nicht so sicher, ob das die richtige Fragestellung ist. Vielleicht nutzen wir einfach parallel mehr Formate, und für bestimmte Momente passt eben die Serie besser und für andere das Buch? Was mich interessiert: Wenn du eine Serie zu Ende schaust, bleibt dir davon noch was hängen oder ist es danach eigentlich weg?

    Neugierig auf Menschen. Meistens auf Kaffee!

  • Du sprichst da was Wichtiges an – dieser Unterschied zwischen passivem Konsum und aktiver mentaler Anstrengung. Die Frage ist vielleicht weniger "Lesen vs. Streaming" sondern eher "tiefe Aufmerksamkeit vs. Aufmerksamkeitsökonomie", oder? Mich würde interessieren: wenn du merkst, dass sich dein Kopf beim Lesen anders anfühlt – nutzt du das bewusst als eine Art mentales Reset-Tool, oder ist das eher ein Nebeneffekt, den du erst hinterher wahrnimmst?

    Das Leben klingt besser mit Musik!

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