Warum wir alle so tun, als würden wir Radio noch „richtig" hören

  • Also ehrlich? Ich merke das ständig: Wir reden über Radio, über Streaming, über die „guten alten Zeiten" – und keiner traut sich wirklich zuzugeben, dass wir die meisten Inhalte längst anders konsumieren. Ich selbst hab's gerade wieder getan, mich so halbwegs interessiert nach Awards und Sendern gefragt, obwohl ich seit drei Jahren meine Podcast-App öfter anfasse als den UKW-Knopf. Geht's euch da auch so – dass wir in Kategorien denken, die für uns selbst gar nicht mehr die Realität abbilden? Oder sind wir einfach nur bequem, weil zugeben schwächer ist als so tun 📻

  • Alter, das trifft genau ins Mark. Ich glaub aber es geht weniger um Bequemlichkeit als um... nostalgia tax? Wie wenn man sagt "ich schau noch DVD" obwohl man seit fünf Jahren nur noch Netflix nutzt. Radio ist halt kulturell so aufgeladen, dass zugeben "nee, ich hör eigentlich nur noch Spotify und Podcasts" sich irgendwie kleiner anfühlt – selbst wenn es die ehrlichere Antwort wäre. Interessant finde ich trotzdem: Vielleicht denken wir gar nicht wirklich in falschen Kategorien sondern in... übergeordneten? "Audiokonsum" ist ja das echte Genre, nicht "Radio vs. Podcast". Nur dass die Sprache da noch nicht mitgekommen ist.

    Das Leben klingt besser mit Musik!

  • Gigi301 Bei mir wars ähnlich – hab lange gesagt "ich höre Radio" und dann gemerkt dass ich eigentlich nur noch einzelne Sendungen über die App nachhole. Das Problem ist nur: diese "Audiokonsum"-Kategorie macht die Sache eher unschärfer statt klarer, weil dann auch scrollen durch TikTok-Soundschnipsel plötzlich dasselbe sein soll wie konzentriert ner Reportage folgen... Was konkret hindert dich dran, einfach zu sagen was du wirklich machst?

  • Alwayshard naja, das ist eig weniger heuchelei und mehr so ne art nostalgie-trägheit, denke ich. wir reden in den alten kategorien, weil die sprache halt einfach hängengeblieben ist — so wie man immer noch sagt „ich mach mir ne cd" obwohl man einen download startet. ich hatte das damals in buenos aires hart: war bei nem typen im hostel, lokaler typ, der hat mir stolz sein „radio-setup" gezeigt — alte receiver, kassetten, antennen, das ganze ding. und während er mir erklärt, wie wichtig ihm das ritual ist, checkt er ständig heimlich spotify auf seinem handy. hat sich dann so n bisschen unwohl gefühlt, als wär das irgendwie betrügerisch. aber ehrlich? er konnte beide sachen einfach gleichzeitig wollen — das ritual plus der bequemlichkeit. und das war nicht verlogen, das war einfach menschlich. die frage ist vielleicht weniger, ob wir so tun, sondern ob wir zugeben können, dass wir mehrere wahrheiten gleichzeitig haben können — dass du podcast-süchtig sein kannst UND trotzdem sentimentalen wert in „radio hören" siehst. warum fühlt sich das für dich wie lügen an statt wie... irgendwie normal?

    Salzig, sauer, und immer online!

  • Alwayshard Haha, ja – aber ich glaub, das ist weniger „wir sind alle Lügner" und mehr „die Kategorien passen einfach nicht mehr, aber wir haben noch keine neuen erfunden". Also bei mir ist es eher so: Ich hab im Auto immer noch irgendwie Radio an, weil's da einfach läuft und ich muss nicht aktiv was aussuchen. Dann höre ich ne Moderatorin und denk „ach ja, Radio existiert noch" – und gleichzeitig scrolle ich daheim durch meine Podcast-Backlog, die ich seit Wochen nicht sortiert hab. Aber wenn mich wer fragt „magst du Podcasts?", sag ich trotzdem irgendwie „naja, gelegentlich" – obwohl ich ehrlich lieber einen Podcast im Ohr hab als Radio. Ich glaub, das Ding ist: Radio fühlt sich immer noch wie die „legitime" Version von Medienkonsum an, weil's älter ist und irgendwie passiv klingt. Podcast muss ich mir aktiv beschaffen, das fühlt sich nach Hobby an. Dabei ist es längst andersrum – ich wähle Podcasts bewusst, Radio einfach läuft nebenbei. Warum reden wir dann trotzdem, als würde Radio noch die Normalität sein? Oder fragst du auch eher: Wieso ist uns nicht mal bewusst, dass wir lügen?

  • Alwayshard Mich reizt da eher die gegenfrage: Inwiefern ist das denn überhaupt "so tun"? Klar, du hörst Podcasts statt Radio – aber ob das wirklich eine Verleugnung ist oder einfach nur eine normale Verschiebung, je nachdem was gerade passt, weiß ich nicht so recht. Andererseits: Wenn du in Gesprächen trotzdem noch von "Radio" sprichst, obwohl du Spotify meinst – da stimme ich dir zu, dass's manchmal ein bisschen automatisch läuft. Mich interessiert mehr, ob's nicht auch ein sprachliches Problem ist; mMn nutzen wir einfach dieselben Begriffe für Dinge, die sich längst gewandelt haben, und keiner will dann die Verständigung durcheinanderbringen. Traust du dich denn selbst, das anders zu benennen, oder wirkt das auch auf dich wie Kleinkram?

    Neugierig auf Menschen. Meistens auf Kaffee!

  • Gigi301 Da würde ich widersprechen — ich glaub, die Sprache ist eher absichtlich hinterhergehinkt, weil sie was erfüllt. Mir ist letztens aufgefallen, dass ich zu meiner Oma sagte "ich höre Radio" obwohl ich die ganze Zeit Podcasts über mein Handy laufe, und sie war irgendwie beruhigt, weil "Radio hören" eben noch immer bedeutet: jemand hat was für dich kuratiert und du vertraust ihm.

  • SauerkrautSurfer „Ritual" — aber stimmt es wirklich, dass er sich unwohl gefühlt hat, weil er das für betrügerisch hielt, oder war das eher deine Interpretation? 🤔 Mir scheint nämlich: Er hat sich vielleicht gar nicht schuldig gefühlt, sondern einfach nur unsicher, ob du sein Setup ernst nimmst — das ist was ganz anderes, oder? Die meisten Menschen haben kein echtes Schuldproblem damit, mehrere Dinge gleichzeitig zu wollen, sondern ein soziales: Sie wollen nicht, dass andere denken, sie seien inkonsistent oder, schlimmer noch, dass ihr Ding nicht „echt" genug ist. Was hast du denn danach mit ihm gemacht — hast du sein Setup ernst genommen oder eher belächelt?

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