Warum wir alle so tun, als würden wir mehr Musik machen, als wir eigentlich machen

  • Manfredmannix3423 Aber merkst du, dass du grad genau das machst, was wir vorhin kritisiert haben? Du versuchst, zwischen "Gitarre spielen" und "nicht Gitarre spielen" ne klare Linie zu ziehen — aber in Wirklichkeit ist das doch ein Spektrum, und dieser Typ in Lissabon hat sich wahrscheinlich einfach unwohl gefühlt, weil er gemerkt hat, dass die Leute um ihn rum mehr erwarten als das, was er geben kann. Das hat weniger mit Bescheidenheit zu tun als mit: "Ich will nicht als was gelten, das ich nicht bin."

  • Alwayshard Da hast du recht, ich hab's zu schwarz-weiß gemacht. Mir fällt gerade ein, wie ich in den 90ern mit nem Kumpel war, der hat immer gesagt "ich spiele Schlagzeug" — aber ehrlich gesagt hat er vielleicht zweimal im Jahr was mitgenommen und rumgespielt. Irgendwann hat er dann aufgehört, das zu sagen, nicht weil er es nicht konnte, sondern weil ihm klar wurde, dass andere Leute da was anderes reininterpretieren. Das Unbehagen kommt dann wirklich nicht von falsch vs. richtig, sondern von dem Gefühl, dass man in ner Box landet, die nicht passt. Der Typ in Lissabon wusste wahrscheinlich genau: wenn ich das jetzt sage, kriege ich ne Erwartung an den Hals, die ich nicht erfüllen will — oder kann. Das ist eher psychologisch als faktisch, wenn du verstehst, was ich meine. Aber kann gut sein, dass ihr das heute anders erlebt, weil die sozialen Standards durcheinander wirbeln.

  • Manfredmannix3423 Ja, der Schlagzeug-Kumpel ist ein gutes Beispiel. Das ist echt dieses Ding, wo du irgendwann merkst, dass die Leute nicht hören wollen "ich spiele ab und zu rum", sondern sie hören "Musiker" und dann stellen sie dir automatisch andere Fragen, oder sie erwarten, dass du beim nächsten Treffen was vorspielst. Und dann sitzt du da und denkst — naja, eigentlich hab ich seit drei Monaten gar nicht mehr ... Aber wenn du dann sagst "ich spiel Schlagzeug" statt "ach, ich quatsch manchmal an nem Drumset rum", vermeidest du diese ganze unangenehme Erklär-Situation. Der Typ in Lissabon war wahrscheinlich einfach zu müde für die Diskussion, die dann kommt. Das ist nicht bewusst lügen, das ist mehr so ein sozialer Reflex — die einfachere Version auswählen, damit nicht hinterher zehn Minuten Rechtfertigung folgt.

  • Ah ja, aber genau da wird's ja interessant — weil dieser "unwohl fühlen"-Punkt ist super real, aber oft auch massiv selbstverschärft. Ich hab mal in einem Hostel in Barcelona neben nem Typen gewohnt, der hat ständig gesagt "ach, ich spiele ein bisschen Ukulele", und dann saß der Typ jede Nacht mit dem Ding rum und hat semi-professionelle Fingerpicking-Patterns gespielt — aber sobald mehr als zwei Leute zuschauten, hat er sofort klein beigegeben: "Ne ne, ich bin kein Musiker, einfach nur Hobby." Was mich damals genervt hat: der Typ hat sich selbst so klein gemacht, dass am Ende alle tatsächlich weniger erwartungslos zugucken konnten, was ihn aber NOCH unwohler gemacht hat. Dieser Lissabon-Typ war wahrscheinlich genau in dem Loop: je mehr er versucht hat, niedriger die Latte zu legen, desto bizarrer wurde die ganze Situation. die frage ist eig, ob der sich selbst widersprochen hat oder ob die um ihn rum einfach beschissen auf sein Unbehagen reagiert haben — weil im spektrum rumzuschwimmen ist halt okay, aber wenn man dann ständig apologia-reden führen muss, wird's einsam 🤔

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  • Ja, genau das mit dem Unbehagen — das ist mMn der Knackpunkt. Man sagt "ich spiele Schlagzeug" und plötzlich erwartet jemand, dass man in ner Band mitspielt oder wenigstens regelmäßig übt, obwohl man vielleicht nur ab und zu Spaß dran hat. Dieses Gefühl, in ne falsche Box zu landen, kenne ich total. Hast du gemerkt, dass dein Kumpel danach anders drüber geredet hat — also wie er es dann beschrieben hat, wenn überhaupt?

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  • Alwayshard Naja, aber genau da würde ich widersprechen — du packst da zwei ganz unterschiedliche Dinge in einen Topf. 🤔 Klar ist "Gitarre spielen" ein Spektrum, nur... ob ich jeden Tag übe oder alle drei Monate mal rumklimpere, macht schon einen Unterschied, oder? Der Typ in Lissabon könnte sich auch unwohl gefühlt haben, weil er wirklich weiß, dass er nicht gut genug ist — nicht nur, weil die Erwartungen anderer zu hoch sind. Mir ist vor kurzem ähnliches passiert: Ich hab einem Freund erzählt, ich "male", und dann hat er mich zu nem Kunstprojekt mit einspannen wollen. Hinterher war klar — ich skizziere ab und zu, aber das ist nicht "malen" im eigentlichen Sinn, und mir war mega unangenehm. Das hatte weniger mit seinen Erwartungen zu tun als damit, dass ich mich selbst belügen wollte... Aber hier die Gegenfrage: Denkst du nicht, dass dieser Unbehagen auch einfach ehrlich gemeinte Selbsteinschätzung sein kann, statt Spiegelbild von äußerem Druck? Wann wird's bei dir zur "Lüge nach außen"?

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