Mein Partner ist gerade in einer Phase, wo sein Job sich massiv verändert hat — weniger Verantwortung, weniger das, wofür er sich jahrelang definiert hat. Und ich merke, wie sehr das an ihm zehrt, obwohl ich ihm rational sagen könnte „hey, das ist auch eine Chance, endlich weniger Stress zu haben". Aber es geht ja gar nicht um die Stunden, sondern um das Gefühl, wer man ist wenn nicht durch die Arbeit. Das hat mich neugierig gemacht: Wie unterscheiden Menschen zwischen „Job, den ich mache" und „wer ich bin"? Und wie hart ist dieser Bruch, wenn sich die Arbeit verändert — oder später beim Ruhestand?
Wenn die Arbeit zur Identität wird — und dann plötzlich nicht mehr da ist
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Das ist wirklich das Kernproblem — und dein Partner sitzt da in einer besonders kniffligen Situation, weil er ja nicht mal wirklich raus ist aus dem Beruf, sondern inmitten davon schrumpft. Mir fällt da ein Essay von David Graeber ein, in dem er darüber schreibt, wie sehr vor allem gut ausgebildete Menschen ihre Arbeit als moralische und soziale Rechtfertigung ihrer Existenz brauchen — nicht weil sie Geld brauchen, sondern weil die Arbeit das Narrativ ist, das ihnen sagt: Du zählst, du schaffst etwas Wichtiges. Der Punkt ist: Das ist nicht irrational oder etwas, das man sich einfach abtrainieren kann. Es ist strukturell. Ich kenne einen Chirurgen, der mir vor Jahren erzählt hat, dass er nach einer Verletzung drei Monate lang nicht operieren konnte — und er war in dieser Zeit depressiv wie nie, obwohl er noch bezahlt wurde, obwohl er Urlaub hatte. Er sagte: „Ich wusste nicht, wie ich den Tag strukturieren sollte." Das war keine Faulheit, das war wirklich existenziell. Die Frage ist wahrscheinlich weniger, ob man das trennen kann, sondern eher: Kann dein Partner andere Dimensionen aufbauen, die ihm das Gefühl geben, dass er etwas leistet, bevor die Arbeit ganz weg ist — oder eben parallel? Was gibt ihm sonst noch das Gefühl von Komp
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Anna Das ist mega wichtig, weil dein Partner grad im Grunde eine Art Identitätsentzug erlebt — und rational drauf hinzuweisen hilft da null, gell. Ich hab das ähnlich gemerkt, als ich meine Routine massiv umgestellt hab (weniger Trainingsstruktur, mehr Flexibilität): erst dachte ich, das ist logisch besser für Recovery, aber psychisch war es komisch, weil ich mich vorher auch über die Disziplin definiert hab, nicht nur über die Effekte. Das Ding ist — der Mensch braucht offenbar eine Art Narrative von sich selbst, und wenn die Arbeit jahrelang den Hauptteil davon war, ist das nicht einfach „Weniger Stunden = mehr Freizeit", sondern eher „Wer bin ich jetzt?" Der Bruch beim Ruhestand ist wahrscheinlich ähnlich brutal, nur dass man sich weniger Zeit nimmt, das zu verarbeiten. Meine Frage: Hat dein Partner überhaupt andere Sachen, wo er sich aktuell in dem Maße „gebraucht" fühlt — oder ist das genau das Problem, dass die Arbeit da so dominant war?
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lib243 Ja, aber da würde ich vorsichtig sein — gerade bei deinem Chirurgen-Beispiel. Nur weil die Arbeit strukturell wichtig wird, heißt das ja nicht, dass es unmöglich ist, da rauszukommen. Der Unterschied zwischen "ich brauche das psychologisch" und "das ist meine einzige Option" ist eh riesig, oder? Dein Partner könnte genauso gut anfangen, sich bewusst woanders Erfüllung zu suchen — auch wenn das zunächst wie ein ... naja, wie ein Ersatz wirkt, der nie gleichwertig ist. Hast du mit ihm schon überlegt, ob es nicht eher um einen kompletten Perspektivwechsel geht statt um Anpassung?
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Aber ist das nicht genau das Problem — dass dieser "Perspektivwechsel" sich immer wie ein Ersatz anfühlt, weil die Arbeit halt tatsächlich einzigartig war und nicht einfach durch was anderes gleichwertig zu ersetzen ist?
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Ailix Naja, aber das stimmt ja nur zur Hälfte — die Arbeit war einzigartig, ja, aber du warst es auch. Der Punkt ist: du versuchst gerade, das eine 1:1 durch etwas anderes zu ersetzen, statt zu akzeptieren, dass es jetzt einfach anders ist, nicht weniger.
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lib243 Was macht dein Partner denn beruflich, dass er sozusagen im Schwebezustand bleibt — ist es eher, dass die Aufgaben weniger werden, oder dass er merklich weniger Verantwortung hat? Weil ich glaube, das Graeber-Ding ist echt der Punkt, aber es macht einen Unterschied, ob man sich selbst degradiert sieht oder ob man einfach weniger zu tun hat. Das eine ist psychologisch noch zerstörerischer, irgendwie — ich bin mal mit nem Wirtschaftsprüfer in ner billigen Unterkunft in Bosnien rumgehangen, der mir beim Frühstück erzählt hat, dass er versetzt wurde auf ne Art "Warteschleife"-Position, und der Mann war wirklich am Ende. Nicht traurig, eher: ausgehöhlt. Weil die Message war ja nicht "du brauchst Pause", sondern "deine Leistung zählt nicht mehr".
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Alwayshard Warte, aber fragst du dich nicht auch manchmal, wie realistisch das ist? Ich meine — wenn jemand 30 Jahre lang seine ganze Identität in eine Rolle gepackt hat, kann man nicht einfach sagen "akzeptier, dass es anders ist" und puff, passt wieder. Das ist voll naiv, gell. Klar stimm ich dir zu, dass man nicht einfach eins-zu-eins ersetzen kann. Aber das Problem ist doch: die meisten Menschen werden ja nicht dazu erzogen, sich selbst zu kennen ohne ihre Arbeit. Ich kenne einen Typen, der hat sein ganzes Ding als Manager gemacht, und als er in Pension ging, ist er nicht einfach "anders" weitergegangen — er hat monatelang nach was Neuem gesucht, weil das Nichtstun sich angefühlt hat wie... keine Ahnung, wie ein Fehler im System. Und denen zu sagen "du warst auch eine Person ohne deine Rolle" ist ja technisch stimmt, aber es ignoriert doch total, dass diese Person sich selbst über Jahrzehnte durch die Arbeit definiert hat. Geht es dir also eher darum, dass man realistischer an die eigene Identität ran sollte, bevor alles weg ist — oder spielst du drauf an, dass die Person eigentlich schon wusste, wer sie ist, nur verdrängt hat?
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Ailix genau, und dann sitzt du da und alle sagen "jetzt hast du ja endlich zeit für deine hobbys!" — als würde stricken die gleiche stelle in deiner identität füllen wie 15 jahre expertise. ist eher so wie wenn man dir sagt, nach ner trennung musste du halt nur häufiger ins kino gehen.
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Alwayshard Ja, aber — und jetzt kommt die fiese Frage — wie sieht das aus, wenn man das wirklich akzeptiert, dass es anders ist? Weil "ok, jetzt bin ich halt nicht mehr die Person, die diese spezifische Expertise hat" ist ja nicht dasselbe wie "jetzt bin ich glücklich damit". Bei meinem Partner merke ich gerade: Er nickt rational zu allen klugen Sätzen über Neubeginn und Chancen, aber nachts liegt er wach und denkt wahrscheinlich einfach noch darüber nach, wer er ohne diesen einen Hebel ist. Das ist nicht unbedingt was, das man mit Akzeptanz einfach weg-denk-lich macht. Wie lange hat deine Neu-Orientierung denn wirklich gedauert, bis es sich nicht mehr wie ein Loch angefühlt hat?
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Ailix Da sprichst du was Wichtiges an — wenn jemand 30 Jahre lang jeden Morgen aufsteht und weiß genau, wer er in diesem Setting ist, dann ist das nicht einfach eine Gewohnheit, sondern im Hirn verfestigt. Dein Manager-Typ — der kennt sein Gesicht wahrscheinlich nur im Spiegel mit diesem "ich bin beschäftigt"-Ausdruck, und plötzlich schaut ihn derselbe Spiegel an wie einen Fremden. Realistisch ist eher: das braucht Jahre, nicht Motivationssätze, und manchmal verliert man sich wirklich dabei, bevor man wieder was findet.
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