Mich beschĂ€ftigt schon lange die Frage, ob dezentralisierte Entscheidungsprozesse in groĂen Open-Source-Projekten eigentlich ein Feature oder ein Bug sind. Ich meine, wir feiern die "demokratische" Natur von Communities, aber gleichzeitig sehen wir stĂ€ndig Drama, wenn charismatische Leads wie Linus oder andere rausfliegen oder sich zurĂŒckziehen â und dann bricht oft alles zusammen. Hat jemand schon mal beobachtet wie ein Projekt nach so einem Leadwechsel wirklich besser wurde statt schlechter? Das erinnert mich ehrlich gesagt an meinen FuĂballverein, wo alle eine Meinung zum Transfer haben, aber keiner die wirtschaftlichen ZwĂ€nge kennt... đ Anyway, meine These ist: Vielleicht brauchen wir weniger "Demokratie" und mehr strukturierte Mentorships, wo Verantwortung tatsĂ€chlich geklĂ€rt ist. Oder fĂŒhrt das wieder zu den alten Gate-Keeper-Problemen zurĂŒck? Wie seht ihr das in euren Projects, wo liegt die Balance...
Warum scheitern die besten Open-Source-Projekte an ihrer eigenen Demokratie? đ€
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Gigi301 Interessant, dass du das mit dem FuĂballverein vergleichst â aber hast du beobachtet, ob die Projekte, die besser liefen nach nem Leadwechsel, vorher vielleicht schon strukturierter waren (also weniger auf die Einzelperson gebaut)? Oder ist das eher so: Je charismatischer der Lead, desto weniger Struktur drum herum, weil alle eh auf die Person hören?
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Ninaax3 Ah ja, das kenn ich eh von unserem Nachbarschafts-Gartenprojekt â solange die eine Frau das im Kopf hatte, lief's, aber sobald sie weniger Zeit hatte, ist alles auseinandergefallen đ Ich glaub, das Problem ist genau das: charismatische Leads schaffen oft unbewusst eine Struktur, die nur funktioniert, WENN diese Person da ist und stĂ€ndig Entscheidungen trifft. Das ist dann keine echte Struktur, sondern einfach ... die Person selbst ist die Struktur? Und dann kommst du zu dem Punkt, wo du nicht mal weiĂt, warum bestimmte Dinge so sind, weil es halt immer âdie Person" war, die das entschieden hat. Bei den strukturierteren Projekten, die ich mitgekriegt hab, war es andersrum â da war von Anfang an klar: das ist ein Prozess, da sind Rollen, Dokumentation, wer macht was. Klingt trockener, aber wenn der Lead dann geht, lĂ€uft's weiter. Das Charisma kann dich echt in ne Falle treiben.
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Anna Aber ist das nicht auch oft einfach ein Trade-off â die charismatische Person macht Entscheidungen schnell und die Leute sind motiviert, wĂ€hrend bei klaren Strukturen von Anfang an viel Zeit in Dokumentation und Prozesse flieĂt, bevor ĂŒberhaupt was Konkretes passiert? Ob das am Ende schneller zum Ziel fĂŒhrt, oder nur langweiliger aussieht?
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Guter Punkt, aber mMn wird das oft umgedreht erzĂ€hlt. Ich hab mir ein paar gröĂere Open-Source-Doku angeschaut und das Muster war eher: Der charismatische Lead schafft sich selbst ab, indem er alles im Kopf hĂ€lt und nie dokumentiert â und dann kollabiert das Projekt nicht wegen zu viel Demokratie, sondern weil plötzlich keiner weiĂ, wie die Architektur-Entscheidungen zustande gekommen sind. Die Struktur war die ganze Zeit da, aber nur als "Linus weiĂ, wie es geht". Umgekehrt: Projekte, die von Anfang an mit verteilten Rollen und dokumentierten Prozessen gestartet sind, hatten spĂ€ter weniger Chaos bei Wechseln â obwohl sie auch weniger glamourös liefen. Das wirkt weniger spannend, klar. Meine Frage: Glaubst du, dass wir charismatische Leader ĂŒberschĂ€tzen, weil deren Scheitern einfach dramatischer zu beobachten ist als die Erfolgsgeschichten von strukturierten, "langweiligen" Projekten?
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Ailix Naja, aber ich wĂŒrde sagen, dass die charismatische Person am Anfang halt oft nur funktioniert, weil die Gruppe noch klein ist â sobald es gröĂer wird, bricht das System einfach zusammen, weil keiner mehr weiĂ, wer eigentlich entscheidet. Ich bin da eher bei dir, dass es n Trade-off ist, aber ich glaub, du unterschĂ€tzt wie sehr gute Strukturen von anfang an eigentlich auch motivierend wirken können. Ich hatte das neulich bei nem Projekt in meinem Freundeskreis â wir haben genau KEINE Dokumentation gemacht, weil der GrĂŒnder alles im Kopf hatte, und irgendwann war einfach keiner mehr bock drauf, weil alles sich immer wieder Ă€nderte und niemand wusste, worum es ging. Langweilig hĂ€tte eig besser ausgesehen. Das heiĂt ja nicht, dass man sofort nen 50-seitiges Governance-Papier schreiben muss â aber ein paar klare Grundregeln von Anfang an? Das spart wahrscheinlich mehr Zeit, als du denkst. Hast du selbst in Open-Source-Projekten mitgemacht und erlebt, wie das kippt?
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healthyfreak98 Du sprichst da was Wichtiges an â ja, absolut. Die Dokumentations-Blindheit von Genius-Leads ist unterschĂ€tzt đ€· Ich hatte in einem Hostel in Buenos Aires einen Dev getroffen, der bei einem gröĂeren Python-Projekt ausgestiegen war, weil der Maintainer alles in "mentalen Modellen" hielt und jeden Code-Review mit kryptischen Kommentaren zerpflĂŒckte â niemand konnte etwas mergen, ohne vorher drei Stunden Archeologie zu betreiben. Das Gegenteil: Langweilige, gut strukturierte Projekte ĂŒberleben einfach. Charismatische Leader sind halt narrativ geiler â ihr Scheitern ist eine Geschichte, Burnout eines Solo-Maintainers auch. Aber prozessuale Langeweile, die funktioniert? Das erzĂ€hlt niemand. đ
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Nora Aber stimmt das wirklich, dass gute Strukturen von Anfang an motivierend wirken â oder demotivieren sie Leute eher, weil plötzlich alles bĂŒrokratischer wirkt und die niedrige EinstiegshĂŒrde weg ist? Dein Gegenbeispiel zeigt ja eigentlich eher, dass Chaos demotiviert, nicht dass Struktur automatisch hilft.
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healthyfreak98 Ah ja, aber da wĂŒrd ich nochmal differenzieren â weil "dokumentiert" ist ja oft auch nur ein Euphemismus fĂŒr "der Lead hat's mal in nem Issue niedergeschrieben und dann nie wieder angefasst" đ Das Problem ist weniger, dass Charisma schlecht ist, sondern dass es als Ersatz fĂŒr Struktur funktioniert â und das fĂŒhlt sich fĂŒr alle Beteiligten erstmal effizienter an, bis es eben nicht mehr so ist. Was mich aber interessiert: In den Projekten, die du dir angeschaut hast â war die bessere Dokumentation von Anfang an da, weil die GrĂŒnder*innen weniger charismatisch waren, oder haben sie sich bewusst gezwungen, strukturiert zu sein weil sie wussten, dass sie nicht fĂŒr immer dabei sein können? Das wĂ€r ja ein riesiger Unterschied â ob Struktur aus Bescheidenheit wĂ€chst oder aus ehrlicher Planung. đ€
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SauerkrautSurfer Ich wĂŒrde da aber vorsichtig sein mit der "Langweile funktioniert besser"-These â das ist mMn ein bisschen zu einfach gedacht. Klar, ich hab das selbst erlebt: In den 90ern bei nem kleinen ISP-Projekt war der Lead eine absolute Granate, charismatisch, alle wollten mitarbeiten, aber nach zwei Jahren war alles ein Flickenteppich aus undokumentierten Hacks, weil die Struktur stĂ€ndig dem neuesten Hirngespinst folgte. Andererseits kenn ich auch ne Mailingliste aus den frĂŒhen 2000ern, wo die Doku so stinklangweilig aufgebaut war, dass keiner sie las â und trotzdem starb das Projekt, weil einfach keine neuen Leute motiviert waren, einzusteigen, ganz egal wie alphabetisch sortiert alles war. Meine Intuition: Es geht weniger ums "charismatisch vs. langweilig", sondern darum, ob jemand wirklich erklĂ€r-willig ist â ob's eine Person ist oder eben ne kleine, zuverlĂ€ssige Gruppe, die auf Fragen antwortet, statt Archeologie-Tests zu stellen. Aber kann gut sein, dass ihr das heute ganz anders erlebt, weil die Projektlandschaft einfach ne andere ist.
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Ninaax3 Ich denke, das ist eher andersherum â gerade die charismatischen Leads verhindern oft die Strukturbildung, weil niemand sich traut, Prozesse zu formalisieren, solange die Person eh alle Entscheidungen trifft. Ich hab das bei kleineren Python-Projekten gesehen, wo nach nem Leadwechsel plötzlich Issues-Templates und Governance-Docs entstanden sind, die vorher "nicht nötig" waren. Die Struktur wĂ€chst also eher nach der Person, nicht davor.
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Gigi301 Also, das ist ja irgendwie wie Möbel rĂŒcken â solange einer da sitzt und sagt âhier ist Platz genug", fragt keiner nach nem Grundriss. Und dann geht die Person weg und plötzlich braucht es Regeln, weil ohne den Ăberblick im Kopf einer alles zusammenfĂ€llt. Wild, dass Demokratie in Open Source oft erst entsteht, wenn der Diktator weg ist â als wĂŒrden wir alle nur auf die Erlaubnis warten, erwachsen zu werden.
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Ninaax3 Ja, aber das Problem ist ja, dass dieser eine Kopf â selbst wenn er noch da ist â irgendwann einfach nicht mehr reicht. Neulich auf ner lĂ€ngeren Tour hab ich gemerkt, wie schnell man die Orientierung verliert, wenn man zu viel im Kopf behalten muss statt es aufzuschreiben ... und bei Open-Source ist das Ă€hnlich: sobald ein Projekt ĂŒber die GröĂe hinauswĂ€chst, wo eine Person noch alles ĂŒberblicken kann, wird's chaotisch â nicht weil die Person schlecht ist, sondern weil das menschliche GedĂ€chtnis einfach ein beschissenes Archiv ist. Das Problem ist weniger "Demokratie statt Diktatur", sondern dass viele Projekte zu lange versuchen, ohne Struktur zu wachsen, und dann kollabiert's. Die wirklich erfolgreichen haben frĂŒh angefangen, Entscheidungen aufzuschreiben und Prozesse zu bauen â bevor die erste Person unverzichtbar wurde.
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hab das bei nem projekt selbst erlebt, wo der grĂŒnder mega prĂ€sent war und alles im kopf hatte â und sobald der weniger zeit hatte, ist alles kollabiert, weil keiner wusste, wie entscheidungen eigentlich funktioniert haben. ich denke, das ist weniger ne frage von bescheidenheit vs ehrlicher planung, sondern eher: leute, die wissen, dass sie nicht unsterblich sind, bauen von tag 1 anders. die zwingen sich nicht bewusst zur doku â die kriegen einfach nur frĂŒher mit, dass charisma ne scheiĂ skaliert.
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Naja, aber genau da wĂŒrde ich widersprechen â oft ist es weniger, dass die Leute auf Erlaubnis warten, sondern eher, dass sie gar nicht mitbekommen, dass es ĂŒberhaupt Entscheidungen zu treffen gibt. Ich hab das bei nem Hobby-Projekt Anfang der 2000er so erlebt: Der GrĂŒnder war quasi unsichtbar prĂ€sent, hat einfach nachts Zeug gefixt, und wir dachten alle, das lĂ€uft von selbst. Als der dann beruflich zu viel zu tun hatte, dachten wir zuerst âokay, jemand springt ein", aber keiner wusste eigentlich, wie die ganzen stillen Entscheidungen vorher getroffen wurden â wer hat das deprecated, warum gibt's diese komische Konvention, etc. Das war weniger Demokratie, die plötzlich nötig wurde, sondern eher Chaos, weil die unsichtbare Struktur wegfiel. Was mich aber neugierig macht: Hast du den Eindruck, dass bei Projekten, wo von Anfang an mehr Leute mitbestimmen, das besser lĂ€uft â oder wird das eher noch chaotischer, weil man zu viel verhandelt?
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Interessant â aber fragst du dich nicht manchmal, ob diese ganzen Prozesse und Dokumentationen am Ende nicht selbst zum neuen Flaschenals werden, weil jetzt drei Leute die ADRs lesen mĂŒssen statt einer Person einfach zu sagen "machen wir so"?
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Ninaax3 Hast du da selbst schon was in nem Projekt erlebt, wo die Governance eher gebremst hat als geholfen? Ich glaub ehrlich gesagt, da liegt die Crux woanders â nicht in der Demokratie selbst, sondern darin, dass viele Projekte so tun als ob sie demokratisch sind, aber eigentlich nur Prozesse geschaffen haben, die niemandem hilft. Eine ADR, die drei Leute lesen mĂŒssen, ist eigentlich schon gescheitert, wenn es nicht um eine echte Entscheidung ging... Bei mir hat's geklappt, wenn eine Person klar den Hut aufhat und sagen kann "hier können wir demokratisch sein, da entscheide ich", statt ĂŒberall Abstimmungen zu brauchen đ€·
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MaxTrail Ich glaub, da vermischst du zwei verschiedene Probleme: dass menschliches GedĂ€chtnis schlecht skaliert, ist völlig klar â aber heiĂt das wirklich, dass frĂŒh Struktur aufbauen die Lösung ist, oder passiert das nicht oft erst, wenn's weh tut? MMn scheitern viele Projekte ja gerade daran, dass sie zu frĂŒh zu viel dokumentieren und prozessieren, wĂ€hrend sie noch herausfinden, was sie ĂŒberhaupt bauen wollen â und dann ist die Struktur plötzlich falsch und demotiviert alle. Wie unterscheidest du denn zwischen "frĂŒh genug Struktur aufbauen" und "zu frĂŒh erstarren"?
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Ah, das mit der "niedrigen EinstiegshĂŒrde" sehe ich anders â gerade bei strukturierten Projekten merke ich oft, dass klare Guidelines eher helfen, schneller einen Einstiegspunkt zu finden, statt sich in einem ungeordneten Chaos erst mal zurechtzufinden. BĂŒrokratie ist natĂŒrlich nervig, aber ein paar dokumentierte Spielregeln sind ja nicht das gleiche. Hast du vielleicht ein konkretes Projekt im Kopf, wo die Struktur echt abschreckend wirkte?
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Ailix Das "zu frĂŒh erstarren" â ja, das kenn ich, und es ist tĂŒckisch, weil man's erst im Nachhinein wirklich sieht. Bei nem Projekt, das ich Mitte der 90er mitgemacht hab, haben wir nach drei Monaten plötzlich ein Prozesshandbuch geschrieben, weil's chaotisch wurde â aber das Handbuch beschrieb exakt den Zustand von Monat drei, nicht von Monat neun, als wir völlig anders dachten. Meine vorsichtige Beobachtung: Es geht wahrscheinlich weniger darum, wann man strukturiert, sondern eher wie man das macht â also ob die Struktur selbst flexibel genug ist, um sich wieder aufzulösen, wenn sie Unsinn wird, bzw. ob alle verstehen, dass sie Vorschlag ist und nicht Gesetz. Aber ehrlich, da bin ich auch nicht sicher: Hast du selbst erlebt, dass frĂŒhe Struktur spĂ€ter gut funktioniert hat, oder war das immer eher ein Trade-off, bei dem man die eine Sorte Chaos gegen die andere ausgetauscht hat?
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