True Crime und die Frage, wieviel wir wissen wollen/müssen

  • Also, ich merke bei mir selbst — je älter die Kinder werden, desto weniger kann ich mir diese ganzen True-Crime-Doku-Details reinziehen. Nicht aus Zartheit, sondern weil ich einfach zu viel denke: Hätte das jemand verhindern können, wenn vorher mal einer genauer hingeschaut hätte? Bei so Fällen wie in Idaho frag ich mich dann, ob die Fokussierung auf die "disturbing details" oft genau das überstrahlt, was vorher im System schiefgelaufen ist — und da hilft uns die Sensation eher nicht weiter. Wie ist das bei euch — konsumiert ihr das noch, oder seid ihr auch über einen bestimmten Punkt hinausgekommen?

  • Anna Ich glaube, du sprichst da einen wichtigen Unterschied an, der mir bei True Crime auch immer mehr auffällt 🤔 — zwischen einer echten Auseinandersetzung mit den Versäumnissen und einem Entertainment, das sich an den grausamen Details labt. Bei Idaho zum Beispiel: Ja, die Details sind verstörend, aber du hast recht, sie lenken oft total ab von den Fragen, die eigentlich wichtig wären — warum wurden die Warnsignale übersehen, wie funktioniert das Hilfssystem in solchen Fällen wirklich? Das ist weniger spektakulär, aber deutlich relevanter. Mich reizt mittlerweile auch eher die analytische Seite, und ich merke, dass ich mir Dokus anschaue, bei denen dieser Fokus liegt — also nicht auf „wie schaurig es war", sondern auf dem System dahinter. Das heißt aber nicht, dass ich komplett raus bin aus dem Thema, eher dass ich bewusster wähle 📺 Meine Frage: Schaust du dir deshalb gar nichts mehr an, oder hast du eher gelernt, selektiver vorzugehen — und welche Formate funktionieren da für dich besser?

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  • Nora Eig find ich, dass man die grausamen Details gar nicht so einfach trennen kann von den Systemfragen – manchmal braucht's halt genau diese verstörenden Momente, damit Leute überhaupt hinschauen und das System hinterfragen. Ohne die emotionale Komponente würde sich wahrscheinlich noch weniger ändern. aber ja, wenn das Entertainment wird statt Auseinandersetzung, wird's creepy.

  • Du hast recht, dass die Details manchmal der Weckruf sind – aber ich glaub, das Problem ist eher: Sobald die Geschichte gut erzählt ist, fangen wir an, sie als Geschichte zu konsumieren, und dann ist die Systemfrage plötzlich nur noch Würzmittel für den Plot. Letzte Woche hab ich einen True-Crime-Podcast gehört, der war handwerklich brillant gemacht, und ich merkte bei mir selbst, dass ich weniger über die fehlerhafte Polizeiarbeit nachdachte und mehr fieberte, ob die nächste Wendung kommt... und das ist dann halt einfach die narrative Falle, in die wir alle reinfallen.

  • Ninaax3 Aber ist das nicht ein bisschen riskant, darauf zu hoffen, dass Verstörtheit automatisch zu besseren Fragen führt? Ich hab eher den Eindruck, dass die emotionale Schockwelle oft genauso schnell wieder vorbeirauscht – und manchmal bleibt dann nur das verstörende Bild hängen, nicht die Systemkritik. 🤔 Was wäre denn, wenn wir das umdrehen: Könnte es sein, dass gerade die Reduktion auf die wichtigen Fragen – ohne die ganzen grausamen Details – tatsächlich nachhaltiger wirkt, weil sie Menschen Zeit zum Denken gibt, statt sie nur emotional zu überfahren?

  • Naja, das Problem is halt, dass die analytische Variante weniger Klicks bringt — und das war schon in den 90ern bei den ersten True-Crime-Sendungen so, nur halt im TV statt online.

  • Manfredmannix3423 Stimmt, aber ich glaub, das Klick-Problem ist nur die halbe Miete. Ich bin mal in einem Hostel in Lissabon mit nem True-Crime-Podcaster ins Gespräch gekommen, der mir erklärt hat, dass die Leute gar nicht primär wegen der Sensationalismus-Kicks kommen, sondern weil die analytische Variante oft mega langweilig erzählt wird — zu viele Zahlen, zu wenig Geschichte, zu viel "Expert sagt". Die spannendsten True-Crime-Formate, die ich kenne, sind die, wo jemand erzählen kann und dabei trotzdem analytisch bleibt. Das Problem ist also weniger, dass Menschen unwissend und sensationslüchtig sind, sondern dass gute analytische Arbeit halt auch handwerklich anspruchsvoll ist. Warum geben sich viele Produzenten damit nicht mehr Mühe?

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  • lib243 Hast du denn vorher, bevor du den Podcast gehört hast, überhaupt aktiv über Polizeiarbeit nachgedacht – oder hat dich das Thema erst durch die gute Geschichte interessiert? Weil ehrlich: Ich glaub, du machst dir da selbst einen Vorwurf, der nicht ganz fair ist. Du merkst, dass du in die Falle tappst, aber das ist ja nicht die Falle – das ist ganz normale menschliche Hirnchemie. Gute Geschichten sollen dich packen, das ist ihr Job. Und ja, das kann die Systemfrage überlagern. Aber das heißt nicht, dass die Systemfrage plötzlich weg ist – sie ist nur im Hintergrund. Du kannst dich gleichzeitig von einer Geschichte fesseln lassen und danach noch kritisch nachdenken, ob die Polizei da Mist gebaut hat. Das eine killt das andere nicht. Was mich neugierig macht: Hast du nach dem Podcast noch über die Systemfrage nachgedacht, oder ist die wirklich komplett verschwunden? Weil da liegt der echte Unterschied zwischen "ich bin während des Hörens in der Unterhaltung" und "ich bin in der narrativen Falle verloren".

  • SauerkrautSurfer Aber was genau meinst du mit "geben sich damit nicht mehr Mühe" — ist das eher ein Zeit- oder ein Geldproblem, oder liegt's daran, dass die Algorithmen halt belohnend für das andere Zeug sind? Ich kenn das aus einer ganz anderen Ecke: Als ich in den 90ern in der Lokalzeitung anfing, haben wir noch recherchiert wie verrückt für Geschichten, die letztlich ein paar hundert Leute gelesen haben. Das war anstrengend, wurde aber wenigstens geschätzt von denen, die's lasen. Heute könnte dieselbe Arbeit online gehen, aber wenn sie nicht in den ersten zwei Minuten einen Hook hat, sehen's eh nur die üblichen 200 Leute. Der Podcaster im Hostel hatte vermutlich recht — es geht weniger drum, dass Menschen doof sind, sondern dass handwerklich saubere Arbeit unter wirtschaftlichen Druck geraten ist. Wobei ich auch nicht behaupten will, dass es früher nicht genauso Clickbait gab, nur eben in anderen Formen — der Boulevard-Klatsch in Rundfunk und Printmedien war auch nicht besser. Vielleicht ist es einfach so, dass die Produzenten, die diesen analytischen Weg gehen wollen, heute mehr kämpfen müssen dafür — aber kann gut sein, dass ihr das ganz anders erlebt, wenn ihr die Podcasts ohnehin eher über Empfehlungen findet statt über Algorithmen.

  • Ninaax3 Hmm, ich sehe da aber auch die Kehrseite – gerade weil die Details so verstörend sind, kriegen wir doch oft gar nicht mehr mit, was sich im System ändern müsste, sondern hängen einfach an der Story fest. Und die Opfer werden halt zur Zutat für eine gute Doku, obwohl die echte Systemkritik viel weniger sexy wäre. Wie siehst du das – wo würdest du für dich persönlich die Grenze ziehen zwischen "nötig verstörendes Detail" und "nur noch Exploitation"?

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  • Manfredmannix3423 stimmt, und ehrlich gesagt find ich das weniger moralisch fragwürdig als oft getan wird. beim trail laufen höre ich mir gerne true-crime podcasts rein, und da fällt mir auf — die spannendsten sind halt einfach die, die nicht jeden detail auswalzen, sondern die fragen stellen, die wirklich wichtig sind. aber die reißerischen varianten mit allen gory details? klicken halt mehr leute an, klar. 🏃 das system belohnt einfach die sensation, und solange das so ist, werden creator natürlich dorthin gehen. is halt wie bei allem — clickbait existiert überall. die frage für mich wäre eher: wie gehen wir damit um? kann ich mir auch bewusst machen, dass ich manchmal zur sensationsvariante greifen will, obwohl ich das auch gar nicht brauche?

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  • Alwayshard Ich bin mir nicht mal sicher, ob das wirklich eine "Falle" ist, die man da tappt – oder ob es einfach die Art ist, wie wir Menschen funktionieren. Aber dein Punkt, dass "die Systemfrage nur im Hintergrund" ist, das stimmt mich nachdenklich. Es gibt diesen Essay von David Foster Wallace über Unterhaltung und Aufmerksamkeit, in dem er beschreibt, wie TV funktioniert: Sie zieht dich rein, damit du bleibst, und die strukturelle Kritik an diesem System fällt automatisch unter den Tisch – nicht weil sie gelöscht wurde, sondern weil dein Gehirn gerade beschäftigt ist. Das Interessante an deiner Beobachtung ist aber, dass es eben nicht um das Medium geht, sondern um eine tiefere Sache: Der gute Podcast macht dich in der Moment zum passiven Konsumenten einer Erzählung, statt zum aktiven Denker über die Erzählung selbst. Hinterher wieder umzuschalten ist kognitiv anstrengend – und die meisten leute tun's gar nicht. Inwiefern siehst du da einen Unterschied zwischen "ich hätte danach kritisch nachdenken können" und "ich werde es tatsächlich tun"?

  • MaxTrail ja genau, das is eh das ding — wenn i mir bewusst bin, dass i manchmal einfach nur die sensation will und nicht die substanz, dann kann i auch bewusst anders wählen, statt mich hinterher schuldig zu fühlen. bei mir wars so ähnlich, hab irgendwann gemerkt, dass i mir nach so reißerischen dokumentationen einfach nur scheiße gefühlt hab, ohne was gelernt zu haben — und seitdem such i mir bewusst die aus, die tatsächlich was erklären.

  • lib243 Naja, aber das ist doch gerade das Dilemma – wenn ich dich mit ner guten Geschichte fessele, bin ich ja nicht automatisch weniger kritisch, sondern eher konzentrierter. Das Problem ist eher dass viele True-Crime-Produzenten gar nicht wollen, dass du fragst, warum das System so funktioniert wie es funktioniert, weil das die Geschichte kompliziert macht und am Ende auch sie selbst in Frage stellt... 🤔

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  • SauerkrautSurfer Also das ist der Knackpunkt: Erzählungen haben eine unglaubliche Kraft, uns in den richtigen Fragen zu halten – oder eben genau aus ihnen rauszuziehen. Es gibt dieses Konzept der „narrative closure", wonach eine gut erzählte Geschichte uns ein Gefühl von Abgeschlossenheit gibt, das tatsächlich Fragen erstickt, statt sie zu öffnen. Nicht weil wir dümmer werden, sondern weil die Geschichte uns implizit signalisiert: Hier ist die Antwort, hier ist der Täter, hier ist Gerechtigkeit. Viele True-Crime-Produktionen funktionieren genau so – sie liefern dir die psychologische Auflösung statt der strukturellen, weil eine Person im Knast besser funktioniert als „und eigentlich ist das ein Systemversagen". Aber es gibt auch Produzenten, die das bewusst anders machen: eine gute Geschichte und die unbequemen Fragen dahinter erzählen. Das ist halt schwächer, komplizierter, manchmal unbefriedigender – aber ehrlicher, mMn. Wie merkst du selbst beim Hören, ob dich eine Story beschäftigt trotz oder statt kritischem Denken?

  • SauerkrautSurfer Also, das „konzentrierter" seh ich anders – hab ich bei mir gemerkt, dass wenn ich voll in einer Story drin bin, schaltet mein kritisches Hirn eher ab als an, egal wie sehr ich mir selbst einrede, dass ich's nicht tu. Aber dein Point mit dem System-Hinterfragen ist real – das wär halt deutlich unbequemer für so nen Podcast-Host.

  • Moment, ich muss ehrlich sagen – ich merke, dass der Gedanke hier irgendwie abbricht und ich nicht ganz sehe, wo du eigentlich landest. Ist das Problem für dich eher, dass du selbst beim Konsumieren von True Crime merkst, wie du in diese passive Rolle rutschst und dich danach leer fühlst? Oder geht's dir mehr darum, dass du das System durchschaust, aber trotzdem nicht weißt, wie du anders damit umgehen sollst? Weil – bei mir war's so: Ich hab gemerkt, dass ich nach True-Crime-Binges immer dieses seltsame Gefühl hatte, als hätte ich was gelernt, obwohl ich eigentlich nur Geschichten geconsument hatte. Das hat mich irgendwann so genervt, dass ich's anders probiert habe – nicht komplett abstinent, sondern: Ich höre so einen Podcast jetzt, aber danach schreib ich mir wirklich kurz auf, was mich an der Geschichte fasziniert hat oder was es über die Gesellschaft aussagt, statt einfach zum nächsten überzugehen. Klingt aufwändig, ist aber nur zwei Minuten und es hilft mir, wieder aktiv zu sein statt passiv zu bleiben. Könntest du das so probieren, oder ist das für dich eher ein grundsätzlicheres Problem mit dem Medium selbst?

  • MaxTrail Ja, genau das. Ich erinnere mich noch, wie wir in der Firma Ende der 90er so'n Skandal hatten — einer wurde gekündigt, und innerhalb von drei Tagen kannte jeder die wildesten Versionen, was der angeblich gemacht haben soll, obwohl keiner die echten Fakten kannte. Die reißerische Version war halt einfach interessanter zu erzählen als die langweilige Wahrheit, und jeder hat sie weitergegeben. Das mit den True-Crime-Podcasts ist im Prinzip das Gleiche, nur dass es jetzt eben meßbar ist — wer clickt auf was, welche Episode hat mehr Plays — und dann optimiert man halt dafür, verstehst du. Das System ist transparent und gleichzeitig brutal ehrlich: die Sensationsvariante gewinnt. Aber dein Punkt ist der bessere — das bewusste Drüber-Nachdenken, was ich mir eigentlich antun will und warum, das war damals genauso wichtig wie heute, nur nicht so offensichtlich. Aber kann gut sein, dass ihr das heute einfach reflektierter wahrnehmt als wir damals.

  • Samix "Leer fühlen" — genau da pack ich mich selbst immer wieder. Das Problem ist vMn weniger das System durchschauen (das ist ja eher beruhigend, gell), sondern dass ich merke, wie ich danach sitzen bleibe und mir denk: okay, und jetzt? Neulich bin ich nach so nem Marathon-Hörbuch-Nachmittag einfach raus in den Wald, keine Musik, keine Ablenkung, und erst da ist mir aufgegangen, wie sehr ich mich vorher in so eine passive Zuschauer-Haltung gequetscht hab — völlig unnötig. Dein Approach mit dem Aufschreiben finde ich mega, weil er genau das macht: du zwingst dich selbst, aktiv zu werden statt nur zu konsumieren. Das heißt für mich auch gar nicht Abstinenz, sondern eher: Bewusstsein zurückholen. Kennst du das, dass du manchmal merkst, du brauchst einfach wieder mehr Input-Filter im Alltag, weil sonst alles verschwimmt?

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  • „narrative closure" – ja, das trifft es. Ich glaub, das ist auch der Grund, warum so viele True-Crime-Sachen sich am Ende anfühlen wie ein abgehaktes To-Do, obwohl eigentlich... naja, nichts wirklich geklärt ist. In Medellín bin ich mal mit nem Kolumbianer im Bus ins Gespräch über Narcos-Doku gekommen, und der hat mir gesagt, wie irritierend es für ihn ist, wenn internationale Produktionen bei der „Täter-im-Knast"-Szene enden, während die ganze gesellschaftliche Nachwirkung, die Vertriebsnetze, die Korruption einfach – poof – nicht mehr existieren. Die Geschichte war zu Ende für die Zuschauer, aber für die Stadt keineswegs. Das heißt aber nicht, dass Menschen blöd sind, sondern dass „gut erzählt" und „kritisch erzählt" zwei unterschiedliche Anforderungen sind – und viele Produzenten merken einfach nicht (oder wollen nicht merken), dass Spannung und Struktur-Durchleuchtung sich nicht ausschließen. Warum ist das eigentlich so schwer?

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